So, 20. Oktober 2013

Nomen est Omen

New Hot Music Shit (33te Ausgabe)

Bandnamen unterliegen dem stetigen Wandel modischer Strömungen. Vor zehn Jahren musste jede Band, die etwas auf sich hielt mit „The“ beginnen, eine Zeit lang bestanden Bandnamen wahlweise aus einer Abkürzung, einer Buchstaben-Ziffern-Kombination oder man ließ einfach die Vokale weg.

Momentan ist eine Aufspaltung in zwei Lager zu beobachten: Die Puristen, die einfach unter ihrem bürgerlichen Namen musizieren und die Poser, deren erklärtes Ziel es ist, möglichst viel Aufmerksamkeit zu generieren.
Wir haben von beidem etwas im Beutel…

The Boom Boom

Die Tiefstapler-Gang

In der Infospalte ihrer Facebook-Seite steht übersetzt so etwas wie „drei ewige Taugenichtse, die in Mutti’s Keller Keyboard spielen“. Doch ganz nimmt man das Sängerin Kara Lane und den Kollegen Bobby und Alex natürlich nicht ab. Unsere Prognose lautet: Möchtegern-Underdogs kurz vor dem Durchbruch. Zu perfekt singt Kara davon wie sie bekifft im Schulbus sitzt obwohl sie doch viel lieber zuhause rumhängen würde. Der reduzierte Electro-Sound klingt vielleicht noch ein wenig nach Heimstudio, aber Attitüde und Gesangsqualität lassen, ebenso wie das Talent eingängige Popmelodien abzuliefern, auf größer gesteckte Ziele schließen. Gerade hat der US Promi-Blogger Perez Hilton die Bande unter seine Fittiche genommen und bei seiner letzten Star-Prophezeiung lag er auch nicht daneben, das war nämlich Stefani Germanotta, die sich heute Lady Gaga nennt.

Für Fans von: No Doubt, Lady Gaga, Katy Perry
Link:  www.facebook.com/boomboomfactory
aktuelles Album: TBA

Mozes and the Firstborn

Rock-Jünger

So eine gepflegte Größenwahn-Attitüde hat nachwachsenden Rockstars noch nie geschadet. Die vier jungen Burschen aus dem niederländischen Eindhoven benennen sich nach dem wohl wichtigsten Propheten des Christentums, Mose, und nehmen dessen Erstgeborenem auch noch mit ins Körbchen – warum, wissen wir nicht genau. Dafür wissen wir aber, dass sie ordentlich Power-Pop gefrühstückt, eine Portion Grunge unter die Augen gerieben und etwas Sixties-Rock verinnerlicht haben. Ab geht die Luzie! Mit Songs, die nach Britpop-Manier große Bridge-Türen aufsperren, in einer Sekunde im Hall-geschwängerten Pathos baden, um dann wieder in die Garagen-Punk-Scharte zu schießen wie ein Profikiller. Schon lange nicht mehr hat eine Newcomer-Band mit so viel Originalität und Abwechslungsreichtum geglänzt – ganz großes Kino!

Für Fans von: Guided By Voices, The Zombies, The Kinks, Teenage Fanclub
Link: www.mozesandthefirstborn.com
aktuelle Single: „I Got Skills“ (Siluh Records/ Hoanzl)

Pick A Piper

Sidekick Deluxe

Musiker und Produzent Brad Weber schwingt im Hauptberuf die Drumsticks bei Caribou. Da ihn dies alleine offensichtlich nicht auslastet, tüftelt er seit geraumer Zeit an seinem eigenen Baby Pick a Piper und nach zwei vorzeigbaren EP’s erscheint nun das Debütalbum. Man müsste lügen, würde man behaupten es gäbe nicht eine große musikalische Schnittmenge mit der erfolgreichen Übermama, vor allem wenn Caribou-Bassist John Schmersal mit seinem prägnanten Gesang die Vocals zur Single All Her Colours übernimmt. Trotzdem ist Pick A Piper organischer und mehr von Gesang geprägt, mal klingt ein Track wie die spiritistische Sitzung eines fernen Insel-Volkes, das sich auf Schwammerln in ozeanischen Weiten verliert, dann wieder treten Saxophon-Chöre an, um zu einer urbanen Chacka-Party zu blasen – entstand so etwa der Bandname? Auf jeden Fall hat Weber da einige Piper ausgesucht und das Ergebnis kann sich erstens sehen und zweitens tanzen lassen.

Für Fans von: Caribou, Hot Chip, LCD Soundsystem
Link: http://pickapiper.bandcamp.com
aktuelles Album: Pick A Piper – Pick A Piper (VÖ: 01.11.13/ City Slang)

Caged Animals

Wehe wenn sie losgelassen werden

Voll der gemeine Name, den Mastermind Vincent Cacchione sich da für seine Band ausgedacht hat. Wahrscheinlich fühlt er sich wie ein eingesperrtes Tier, wenn er nicht die Möglichkeit bekommt, sich musikalisch auszudrücken? Im Video zur ersten Single des gerade erschienenen zweiten Albums der Band aus New Jersey namens Cindy+Me jedenfalls muss der charismatische Sänger sich von kleinen Äffchen in weißen Kitteln fiese Labortests gefallen lassen. Intellektueller amerikanischer Indie-Pop ist ja so etwas wie ein eigenes Genre, eingängige Melodien und leicht weirde, aussagekräftige Refrain-Zeilen, die oft von unerfüllter Liebe handeln und trotzdem, gebettet auf klirrend klaren Drums, ein warmes Gefühl im Herz hinterlassen. Die können das. Und wir weinen uns gutgelaunt durch den Herbst.

Für Fans von: Yacht, Of Montreal, The Blow
Link: www.cagedanimals.net   
aktuelles Album: In The Land Of Giants (bereits erschienen/Lucky Number, PIAS)

Superfood

lecker Indie-Gemüse

Bandnamen, die ungooglebar sind – die 1547ste. „Wir mochten die Vorstellung, dass unsere Gesichter von ganz viel frischem Obst umgeben sein würden“ rechtfertigt das Quartett aus dem englischen Birmingham seine Namensgebung. Und um noch einen drauf zu setzen, nannten sie ihre erste Single, die wie ein unbekümmerter Sommerflirt klingt, auch gleich Superfood. Die nächste heißt Bubbles, quasi der quirlige Drink, der das Menü komplettiert. Superfood erfinden den Insel-Rock nicht neu, sondern wandeln unübersehbar auf den Spuren stilprägender Combos wie Supergrass, Blur oder Pavement, aber das mit jugendlicher Frische. Nach einigen Support-Gigs haben sie gerade ihre erste GB-Tour geschupft und nachdem der NME sie auch schon auf dem Radar hat, wird es nicht mehr lange dauern, bis sie auch bei uns die Festivalbühnen unsicher machen, ich tippe auf kommenden Sommer!

Für Fans von: Wavves, Blur, Pavement
Link: www.superfoodjunk.com
aktuelle Single: Bubbles (I-Tunes)

Kwes

der Antiheld

Sehr sanftmütig kommt er daher, der Herr Kwes. Den Briten mit der angenehmen Stimme umweht der Hauch des Genius, hat er doch vor dem langerwarteten Release seines ersten Albums schon als Produzent u.a. mit The XX, Damon Albarn und Kanye West kooperiert. Er selbst ist musikalisch nur schwer festzulegen. Mal schmeckt es nach Soul, was er uns da anbietet, dann schwenkt er aus, um über die R’n’B-Straße zurückzukehren zu melancholisch ausgefrickelten Pop-Balladen á la James Blake. Kwes ist ein Studio-Theoretiker, der sich Monate lang in seinem Studio in East London eingesperrt hat, um mit dem alten Keyboard seiner Großmutter herum zu experimentieren und fast bis zum Burn-Out an Hall-Effekten zu basteln. Es hat sich gelohnt, ilp ist ein Album geworden für das du an einem fröstelnden Herbstabend im Ohrensessel Platz nehmen solltest, um die Welt herum komplett zu vergessen. Ein kleines Meisterwerk.

Für Fans von: James Blake, Rhye, The XX
Link: www.kwes.info  
aktuelles Album: ilp (VÖ:14.10.2013/ Warp Records)