Mo, 8. März 2010

New Hot Music Shit (11te Ausgabe)

Endless Winter. Die Gehirnstränge, die noch nicht weggefroren sind und jene, die noch nicht aus Verzweiflung weggesoffen wurden, müssen mit besonderer Sorgfalt behandelt werden. Musikalische Tiefen-Therapie, Beat-Shiatsu und Melodie-Fango in vielfältigster Ausprägung. Hier ein paar wärmstens empfohlene Therapie-Möglichkeiten: Ironischer DIY- Artschool-Rock aus Manchester, naturverbundener Geröll-Minimal-Techno, Family Affairs und eine weitere Disco-Elfe, die auf Kate Bushs Spuren wandelt. Es kann nur wärmer werden…

The Irrepressibles

Pomp ist Pflicht

 

Die Londoner selbst bezeichnen sich als 10-köpfiges „Perfomance Orchestra“, ihr Anführer ist der exzentrische Sänger und Komponist Jamie McDermott.

Nichts wird hier dem Zufall überlassen, alles strebt nach dem Ziel des Gesamtkunstwerks!

Barocke Opulenz spiegelt sich sowohl in den Kostümen, der Ausstattung der Videos als auch in der Musik jener „Unbezähmbaren“ wieder. Betörender Falsett-Gesang, Streicher und Piano-Parts geben dem Ganzen zwar einen nostalgischen Anstrich, auch Anleihen aus Glam Rock und dem Werk des frühen David Bowie sind nicht zu überhören, trotzdem besticht das Endergebnis durch innovative Modernität. Jede Live-Performance wird zu einem Spektakel, einer Oper – mal finden wir uns in einem vergessenen Zirkus wieder, mal findet das Konzert auf einer in sich rotierenden Box statt, dann wieder auf einem schwimmenden Floss.

Da kann ich nur dem Journalisten beipflichten der da sprach: „They are one of Britain’s best-kept secrets, but they won’t be for long!“

 

Album: Mirror Mirror (Cooperative/ Universal – VÖ: 26.03.2010)

Für Fans von : Antony& The Johnsons, Kate Bush, Patrick Wolf

 

 

EVERYTHING EVERYTHING

Alles Art Pop

Die achtziger Elektro-Pop-Welle verlässt uns auch heuer nicht, wer also glaubte, dass es mit den Bands wie Klaxons oder Friendly Fires getan wäre, täuscht sich. Aus dem britischen Musikboden sprießen weiterhin talentierte Seelen, die bestens wissen, wie ein Keyboard die Kritikerköpfe zum Nicken und die Mädchenherzen zum Schmelzen bringt.

Aber alles bleibt nicht gleich, und Trittbrettfahren ist nicht alles. Das beweist das Art-Pop-Quartett mit dem passendem Namen EVERYTHING EVERYTHING.  Neben dem Namen und der Manchester Herkunft, spricht für sie ihre Musik, die beeindruckend unantastbar daherkommt: komplexe Songs, überraschende Tempowechsel, harmonischer Gesang, verdrehte Gitarren, Anzüge und Krawatten, bizarre Texte und Einflüsse von überall – von The Beatles bis Kate Bush, von R.Kelly bis Radiohead, von The Futureheads bis Destiny Child.

Das lässt staunen, macht süchtig und gibt guten Stoff für die nächste Musikstammtischdiskussion: ist Everything Everything alles oder ist alles Everything Everything?

Link: www.myspace.com/everythingeverythinguk

Für Fans von: Friendly Fires, Vampire Weekend

 

ELLIE GOULDING

Shining Star

Kate Nash, La Roux oder Lilly Allen sind die Namen, die einem zweifelsohne ins Gedächtnis springen, wenn man an Ellie Goulding denkt. Doch während die anderen „so last year“ sind, ist Ellie Goulding aktuell der größte Fisch im Teich der britischen Popsängerinnen 2010. Das zu Recht und sehr clever inszeniert: ohne Lady Gaga-esque Übertreibungen und als das Mädchen von nebenan, vermischt Ellie Goulding Elektronik mit den Singer-Songwriter-Melodien und lässt sich in keine dieser Ecken eindeutig hineindrängen. Sie experimentiert ohne Scheu mit verschiedenden Musikstilen – von Dubstep bis Folk – und erzielt damit Zustimmung der Coolen, der Kenner und der Banausen. Und gerade wenn wir ihr die Tiefsinnigkeit abkauft haben, geht sie raus und behauptet, Beyonce wäre ihr größtes Idol. 

Das ist wohl Pop á la Ellie Goulding, mit der wir in diesem Jahr sehr viel Spaß haben werden.

Link: www.myspace.com/elliegoulding

Für Fans von: La Roux, Lilly Allen, Kate Nash

BROKEN RECORDS

Schottenröcke und Akkordeons

Lasst uns zuerst mit dem Offensichtlichen aufräumen: Broken Records klingen in keiner Weise nach kaputten Platten. Dass jemand allerdings in Verlegenheit kommen könnte, alle anderen Platten für das Debütalbum dieser siebenköpfigen Band aus Schottland zu zerlegen, ist leicht vorstellbar. Denn die Multiinstrumentalisten von Broken Records machen Musik, die einen komplett einsaugt und nicht loslässt. Indie Folk mit emotionalen Spitzen: Mal nach dem heiligen Gral suchend, von Geigen und überstarker Stimme begleitet, mal langsam und in guter The Velvet Underground Art nach Atem ächzend.

Broken Records bieten Drama extraordinaire, welches auf der Bühne intensiver erscheint als jede Trauer über eine seltene zerbrochene Platte. Nehmt euch in die Arme und übergebt euch.

Link: www.myspace.com/brokenrecordsedinburgh

Für Fans von: Mumford & Sons, Bon Iver

 

First Aid Kit

Schwesterliebe

Mei, so jung und scho so supa! Gerade mal 19 und 16 Jahre alt sind die Schwestern Johanna und Klara Söderberg aus Enskede nahe Stockholm, zusammen sind sie First Aid Kit. Erste Hilfe leisten ihre Songs bei gebrochenem Herzen, melancholischer Stimmung oder der Sehnsucht nach etwas Schönem, Unverbrauchtem und Echten. Mit einer Inspiration, die unverkennbar im traditionellen amerikanischen Folk und Country verwurzelt ist, schaffen sie das, was viele Musiker wollen und nur wenigen gelingt: Extrem reduzierte Songs produzieren, die einen direkt ins Herz treffen. Ohne Schnörksel oder aufwendige Arrangements. Natürlich funktioniert das so gut, weil die Singstimmen der jungen Damen perfekt harmonieren, man hört ihnen an, dass diese kreative Symbiose ganz selbstverständlich gewachsen ist. Gerade eben ist ihr Debut-Album „Big Black & The Blue“ erschienen, ihr Leitspruch lautet: „We aim for the Hearts, not for the Charts!“, trotzdem wollen wir hoffen, dass es für das tägliche Brot reicht und sie uns bald persönlich Herzhilfe leisten!

 

Aktuelles Album: Big Black&The Blue (Wichita Records)

Für Fans von: Fleet Foxes, She & Him, Taxi Taxi!

 

Pantha du Prince

Deutscher Techno-Adel

Vielleicht ist es die unkonventionelle Herangehensweise, die dafür sorgt, dass Hendrik Weber a.k.a.  Pantha du Prince so viel mehr produziert als simplen Minimal Techno. Für sein neues Album reiste er in die Schweiz, weil ihn die Geschichte eines verschütteten Dorfes so sehr faszinierte, dass er dort die Geräusche der Natur aufnahm um darum seinen Sound zu basteln. Das was er dort vor Ort eingefangen hat, vermengt er mit Beats, Samples und Loops, die einerseits ein fast lyrisches Ausmaß erreichen, andererseits auch absolut tanzbar sind. Tropfsteinhöhlen die zu Clubs werden, Hochgebirgswipfel und Tannenwaldlichtungen auf denen illegale Raves stattfinden, ein tiefes Gefühl von Einsamkeit, gewürzt mit Zutaten aus Minimal, House und Harfe – zelebriert auf den Tanzflächen dieser Welt – einsam unter vielen!

 

 

 

Album: „Black Noise“ (Rough Trade/ VÖ: 09.02.2010)

Für Fans von: Efdemin, Sascha Funke, Ricardo Villalobos