So, 22. Februar 2009

Ein Freak im Freakkönigreich

Es gibt wenige Menschen wie Stefan Weber, die den Raum so um sich krümmen, dass du direkt in ihren Kopf sehen kannst.

Viel zu oft passt man sich seiner Umwelt an. Bloß nirgends anecken. Bloß jedem alles Recht machen. Bloß das Gehalt ist am Konto und die Freundin rasiert. Der eigene Weg verliert sich in ausgetrampelten Pfaden. Die Angriffsfläche auf das eigene Ego wird in der Masse gering gehalten.
Wie jeder, geht auch Weber seinen Weg. Weitab von gekennzeichneten Routen. Ein 

liebenswerter Genosse unserer Zeit, der seinem Geist und seiner Kunst keine Grenzen gesetzt hat. Und wenn sich eine Mauer aus gesellschaftlichen Normen, doppelbödigen Moralvorstellungen oder menschlicher Borniertheit in seinen Weg stellt, dann wird da nicht nur zärtlich dagegen gepinkelt. Vielmehr ist das eine Aufforderung, den Rahmen zu sprengen. Nachhaltig. Mit Blut, Kotze, Kettensägen und viel Hirn. Verpackt in Songs und wilden Aktionismus. 
Das Abrisskommando, das Weber zu diesem Zweck um sich vereint hat, nennt sich Drahdiwaberl. Die exzessivste Band der Welt. Hardcore. Underground. Kult. Falco war gerade gut genug, um mitzumachen. Nur als Bassist versteht sich. Seit dreißig Jahren ziehen die Drahdiwaberl ihre Kreise. Seit dreißig Jahren werden Tabus gebrochen, Bühnen verwüstet und missionarisch Bürger geschreckt. 
Denn Stefan Weber hat eine Mission. Eine Vision. Er macht, was er sich denkt. Und jeder kann sehen, was er sich denkt. Hören, was er sich denkt. Riechen, was er sich denkt. Er hat seine Umwelt an sich angepasst. Doch das reicht nicht. Die Vision heisst Weltrevolution. Nichts geringeres steht auf Webers Fahnen geschrieben. Im Kino gibt es sie schon (siehe Factbox). Die Welt braucht noch ein bisschen.Für sein lautstarkes Leben ohne Kompromisse wurde er 2005 mit dem silbernen Verdienstzeichen der Stadt Wien und dem Amadeus Award ausgezeichnet. Ein Pflichtkniefall des Spießertums? Wir haben ihn am Cover. Auf ehrlich. So war auch das Interview.

INTERVIEW 

Nachdem zwar allerlei Brillen da waren (siehe Fotos), die Lesebrille aber fehlte, wurde ich gebeten eine soeben erhaltene SMS vorzulesen: „werde mit leeren sms zugeschissen.“, gab es zu kommunizieren. Tastensperre ist also nicht des Webers Ding. Klare Worte schon. Und sonst? Erhöhter Nachfragebedarf.

Jeder Mensch braucht seinen gepflegten Wahnsinn. Wenn mir dann am Drahdiwaberl Konzert von der Bühne aus entgegengekotzt wird und ich beim fragenden Blick nach oben nur einen riesen Dildo sehe, weiss ich: Du scheinst deinen besonders gut zu pflegen. Gibt es ein bestimmtes Rezept?

Viel Kakao in der früh mit Honig, ein Müsli, kein Fleisch.

Hat bei mir nicht funktioniert… ?

  

Nagut. Das Rezept ist, zu Überraschen. Auch sich selbst. Das Unerwartete tun. Das kapieren die Trottln nicht. Den Tip muss man aber geheim halten, sonst kommt noch irgendeiner drauf. (lacht)

 

Du hast schon so ziemlich jeden Schwachsinn gemacht, den man sich ausdenken kann (siehe youtubebox), gibt es Grenzen?

Wir haben noch kein Kind geschlachtet auf der Bühne, nur Nonnen. Und noch keine Massenorgie der Tiere auf der Arche Noa veranstaltet. Bei ernsthafter Betrachtung gibt es Tabus. Ganz klar.

Was war dein Motiv eine Band zu gründen?

Ehrliche Worte: Die Sau muss raus. Ich bin aber natürlich nicht 24 Stunden Drahdiwaberl, weil sonst sitz ich in Steinhof (Anm.: Psychatrische Anstalt). Ich kann abschalten, wenn ich von der Bühne gehe. 

   

Du hast die Band 1969 gegründet. Seitdem wurden laufend Exzesse gefeiert. Das zieht an Körper und Geist nicht spurlos vorbei. Hat es sich ausgezahlt?

Ja. Das war wirklich notwendig. (lacht) Aber ich will auch nicht verschweigen, dass es mir manchmal zuviel war. Wie ich noch als Lehrer aktiv war, plus Drahdiwaberl, plus diverse Aufträge.  

Dachte Lehrer schieben eine ruhige Kugel?

   

Wenn der Kopf bewölkt war bin ich in die Klasse gekommen, hab gesagt: „Zeichnet!“ und hab geschlafen. Ist aber auch nicht immer gegangen. So ruhig war es auch nicht… (lacht)

Du bist krankheitsbedingt frühpensioniert, daher nicht mehr Lehrer. Wie gehst du mit deiner Krankheit um?

   

Siehst eh. Ich geh schon komisch daher und langsamer bin ich auch. Aber Parkinson ist nicht so schlimm, Krebs ist viel schlimmer.

  

Dein Lebenswerk ist ja bereits im Kasten: Der Film „ Die Weltrevolution“ startet im Mai. Ist er so geworden, wie du es dir vorgestellt hast? 

Ja. Es wurde Material aus Jahrzehnten Drahdiwaberl verwendet und mit einer Handlung versehen. Die satirische Nachstellung der Weltrevolution. Wenn das nichts wird, dann war das der krönende Abschluss der Drahdiwaberl.

2005 wurde Professor Stefan Weber das ‚Silberne Verdienstzeichen‘ des Landes Wien verliehen und der Amadeues Award vom ORF für das Lebenswerk. Was hast du falsch gemacht?

Ich grüble noch immer. Einzige Theorie ist, dass ich als Feigenblatt für die Mainstream-Gesellschaft verwendet werde. Der Arnacho-Kasperl für das Bildungsbürgertum. Bei der Verleihung des Verdienstzeichens haben wir es nicht einmal geschafft, die Grete Laska mit einer Torte zu treffen. Keiner hat sich die Unterhose ausgezogen. Eine Niederlage. Die haben trotzdem alle gefunden, dass es eine wahnsinns Show war. Aber da haben mir Leute gratuliert… Da hab ich dann gewusst es war oarsch.
   

Du hast ein lautstarkes, buntes und durchgeknalltes Leben geführt, was ratest du den Machern eines solchen Magazins?

Naja, ich hab keine Erfahrung mit dem Zeitungsmachen. Aber mit bunt und durchgeknallt.(lacht) Man darf sich nichts Scheissen. Das ist ein ganz wichtiger Satz: Man darf sich nichts Scheissen. 

Danke für den Einblick. Es hat uns sehr gefreut.

  
Ich danke ebenfalls. 

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Zusatzfrage:
Wann hast du das letzte mal so richtig aufgedreht? Was aufgedreht? Das Licht aufgedreht? Dann so: Wann hast du das letzte mal so richtig aufdraht? 1987. Genau, am 3ten August 1987. Nein 84… Ich drah jeden Tag auf!

Factbox:
Name: Stefan Weber
Geboren: 8.11.1946 in Wien
Alter somit: 61 Jahre 
Sternzeichen: Skorpion
Gründer der Band Drahdiwaberl
Sonst: Leher (Werken, bildnerische Erziehung), frühpensioniert
  
Drahdiwaberl
gegründet 1969
wienerisch für Kreiselexzessivste Band der Welt: www.drahdiwaberl.at 
Falco und Jazz Gitti haben bei Drahdiwaberl begonnen. 
Jetzt im Kino: „Weltrevolution“ – Film über Stefan Weber und die Drahdiwaberl. Da
fliegen die Fetzen.
   











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