Fr, 26. Januar 2018

Bis zur Unendlichkeit

Tocotronic im Interview

Er empfinde es als extrem großes Glück, in diesem Bandkollektiv seit 25 Jahren arbeiten zu können, schwärmt Dirk von Lowtzow am anderen Ende der Telefonleitung. Im Interview erweist sich das Tocotronic-Mastermind als sehr auskunftsfreudiges und eloquentes Gegenüber. Ein Gespräch über Gitarren, Subjektivierungsprozesse, Langlebigkeit – und natürlich über das biografische zwölfte Album ‚Die Unendlichkeit‘.

Kannst du dich noch erinnern, wann du das erste Mal eine Gitarre in der Hand hattest?

Ich kann mich nicht an den genauen Zeitpunkt erinnern, da ich noch sehr jung war und nicht Buch geführt habe, aber ich denke, ich werde so 12 oder 13 Jahre alt gewesen sein. Ich weiß noch, ich habe einen Nachbau einer Gibson E-Gitarre von meinen Eltern bekommen. Ich mir die gewünscht, da ich schon früh ein großer Pop- und Rockfan war. Das war ein einschneidendes und fast schicksalhaftes Erlebnis.

Im Song ‚Electric Guitar‘ wird die Gitarre eine Art Eskapismusfunktion zugeschrieben. Dient das Spielen für dich immer noch als eine Art Realitätsflucht?

Nun ja, nur eskapistisch fand ich es damals nicht – und heute eigentlich auch nicht. Wie es in dem Song beschrieben wird, war es als Teenager schon eine Flucht vor der Realität, ganz klar: Wenn man sich die Gitarre umgehängt, sich vor den Spiegel gestellt und in Rockstarposen geschmissen hat. Aber es war auch ein Subjektivierungsprozess. Dadurch hat man sich ja sozusagen selbst erfunden. Und wenn ich ganz offen sprechen darf: Es ist eigentlich bis heute so.

Das Album ist ja eine Art musikalische Biografie geworden. Wie stand der Rest der Band eigentlich zu dem Ansatz? Haben sie auch etwas von ihrer Biografie beigetragen oder behandelst du nur deine eigene?

Ich bin in diesem Bandkollektiv ja schon immer derjenige, der die Texte und Songs schreibt. Die Grundskizzen arrangieren wir dann gemeinsam. Dieses Mal gab es ein sehr starkes Lektorat, vor allem von Jan (Müller, Bassist). Er hat sich diese Aufgabe angenommen, was bestimmt nicht immer ganz einfach für ihn war. Da wir die Stücke gemeinsam ausgewählt haben, brachten sich die anderen indirekt ein. Der eine konnte sich dann in diesem Text wiederfinden, ein anderer eben nicht so. Es war eine schöne Begleiterscheinung, dass wir sehr viel über die Stücke geredet haben. Generell kann man über das Album sehr gut mit Leuten in den Dialog treten, da sich viele Leute in den Inhalten wiedererkennen können.

Das Album klingt sehr warm und harmonisch – wolltet ihr damit sozusagen einen musikalischen Kontrapunkt zum eher kalten Zeitgeist setzen?

Das ist eine gute Frage! Ich habe da noch nicht so drüber nachgedacht … wenn, dann vielleicht nicht bewusst. Wenn man Rockmusik macht – was gerade sowieso nicht unbedingt dem Zeitgeist entspricht – finde ich es immer angenehmer, wenn diese eine gewisse Wärme ausstrahlt.

Zudem ist es musikalisch sehr offen, es werden viele Einflüsse eingebracht. Ist diese musikalische Offenheit quasi kongruent zur textlichen? Passt sich bei euch die Musik generell an die Texte an oder umgekehrt?

Ich denke, es verzahnt sich im besten Fall. Es ist ein bisschen schwierig, das im Einzelnen aufzudröseln. Manches ergibt sich von selbst. Oder man denkt, es wäre interessant sich jetzt nochmal mit einer bestimmten Musik, die man zu einer bestimmten Zeit gehört hat, zu beschäftigen In dem Stück ‚Ich lebe in einem wilden Wirbel‘ war es z.B. so, dass es in der Art der Harmonien an Hüsker Dü angelehnt ist, die ich als Teenager sehr oft gehört habe und die einen sehr großen Einfluss auf Tocotronic hatten.

Habt ihr dieses Mal besonders viel Wert auf die Ausarbeitung der Melodien und Harmonien gelegt?

Ich hatte nach dem Hören immer einen neuen Ohrwurm. Ich gehe grundsätzlich beim Songschreiben von Harmonien aus. Es gibt aber auch sehr rhythmische Stücke wie ‚Die Unendlichkeit‘. Hier haben wir Dub-Elemente integriert, was wir vorher so noch nicht gemacht haben. Generell gehe ich aber beim Songwriting von Harmonien aus – vielleicht weil ich die Songs daheim auf der Gitarre schreibe. Die interessieren mich am meisten, wie ich zugeben muss.

In Bezug auf die Produktion ist das Album sehr opulent geworden. Der Sound ist äußerst dicht und zieht einen atmosphärisch in den Bann. Wie hoch ist dabei der Anteil von Moses Schneider?

Moses hat natürlich den größten Anteil daran. Er ist ein ganz hervorragender Produzent und hat sich wirklich so intensiv wie noch nie zuvor in das Album hineinbegeben. Moses hatte von Anfang an eine sehr spezielle Vorstellung davon, wie das Album klingen soll. Das fand ich sehr, sehr inspirierend. Sein Einfluss auf das Album kann gar nicht hoch genug bewertet werden.

Welche Rolle spielt er generell für die Entwicklung von Tocotronic über die Jahre?

Da würde ich auch sagen, dass sein Einfluss sehr, sehr groß ist. Wir haben das erste Mal 2005 für das Album ‚Pure Vernunft darf niemals siegen‘ zusammengearbeitet. Wir haben insgesamt vier Alben mit ihm gemacht. Die haben wir alle live im Studio eingespielt. Bei ‚Pure Vernunft‘ und ‚Die Kapitulation‘ dabei fast ohne Overdubs – das hat uns auch für unser Livespiel sehr viel Kraft gegeben. Es war zu diesem Zeitpunkt eine sehr unübliche Verfahrensweise, Rockmusik wieder live einzuspielen. Moses ist sehr beeinflusst von Techniken, wie sie bei den Beatles oder den Beach Boys angewandt wurden. Und das alles hatte einen sehr großen Einfluss auf die Band – vor allem, wie wir uns live als solche definieren. Man begibt sich mit Moses immer wieder auf eine Reise. Der zweite große Einfluss in dieser Hinsicht war, dass Rick (McPhail, Gitarrist) zu uns gestoßen ist. Als Quartett hat man eben einfach viel mehr Möglichkeiten.

Wie schafft man es als Band, die praktisch keine großen Radiohits hatte, und sich nicht dem Mainstream anbiederte, mittlerweile zum Kanon der deutschen Popmusik zu gehören?

Nun ja, da kommen verschiedene Faktoren zusammen. Ich empfinde es als extrem großes Glück, in diesem Bandkollektiv seit 25 Jahren arbeiten zu können. Wir mussten uns nie verbiegen und konnten bei mittlerweile zwölf Alben eigentlich immer machen ,was wir wollten. Das ist heutzutage nicht mehr selbstverständlich, für uns als Band aber total unerlässlich. Das hatte dann eben die Folge, dass wir nicht so stark in den Mainstream eingesickert ist. Dafür haben wir auch einfach zu wenig Kompromisse gemacht. Dafür ist die Sache wohl langlebiger. Das finde ich sehr, sehr schön. Zumal man es bei der der Gründung der Band nicht unbedingt vorhersagen konnte, dass man im Jahr 2018 sein zwölftes Album rausbringen kann. Wir haben aber auch sehr viel Arbeit reingesteckt und versucht uns dabei kontinuierlich weiterzuentwickeln. Dabei haben wir auch immer sehr viel Unterstützung von verschiedenen WeggefährtInnen erfahren.

Wir finden das mindestens genauso schön und freuen uns auf ein Wiedersehen am 13. April in Salzburg oder am 28. Juli in Wien!