Mi, 2. März 2011

Alles wegrocken

Clueso im Interview

Thomas Hübner kommt aus Erfurt, ist 31 Jahre alt und seit 1995 im Auftrag des deutschen Sprechgesangs unterwegs. Besser bekannt als Clueso, hat er mittlerweile sein fünftes Studioalbum namens ‚An und für sich‘ veröffentlicht – am 27. April steht ein Konzertbesuch in Wien auf seinem dazugehörigen Tourprogramm. Clueso im Interview über die ersten Versuche als Buchautor, engagierten Pop und geklaute Tourkassen.

‚Von und über – Clueso‘: Noch im vergangenen Jahr hast du Mikrofon gegen Schreibmaschine eingetauscht, ein Buch veröffentlicht und damit noch nie gesehene Einblicke in dein öffentliches und privates Musikleben gewährt. Wie sinnvoll ist es für dich jetzt überhaupt noch, Interviews zu geben?

Clueso: (lacht) Keine Angst, Unterhaltungen mit meiner Person behalten nach wie vor ihre Daseinsberechtigung und Aktualität. Bei meinem ersten Buch handelt es sich eher um eine selbsterklärende Fotosammlung bzw. Bilderkollage aus der bisherigen Karriere von Clueso, und nicht etwa um eine Autobiographie. Die Texte, die ich begleitend dazu verfasst habe, sollen einen zusätzlichen Einblick in mein Innenleben geben. Zum Beispiel: Was geht jemandem durch den Kopf, der vor tausenden Menschen im Vorprogramm für Herbert Grönemeyer den Konzertabend eröffnet? Die Antwort darauf und noch viel mehr, aber eben doch nicht alles von Clueso, gibt es in meinem aktuellen Buch.

Wie profitiert ein Songwriter von seiner Musikerfahrung, wenn er sich als Autor versucht?

Mittlerweile habe ich fünf Alben produziert, und im Laufe der Jahre meinen persönlichen Stil entwickelt und ausgeprägt – was natürlich ein gewisser Vorteil bei diesem Schreibprojekt war. Wichtig ist generell, dass ein Buchtext von Anfang bis Ende die Spannung hält, Sinn ergibt und gewissen chronologischen Regeln folgt. Dabei soll Lesespaß erzeugt werden. Es nützt mir nichts, wenn ich mich bei einem Buch durch mühsame Anfangskapitel schlagen muss, bevor es zur unterhaltenden bzw. mich fordernden Sache geht. Ich versuche, engagierten Pop auf den Punkt zu schreiben – egal, ob per Song oder Buch.

War das Buch ein einmaliger Ausflug ins Verlagswesen oder gibt es bereits Anschlussprojekte?

Schreiben macht Spaß, aber es ist jetzt und heute kein weiterer Titel von mir in Planung – vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt. Dafür bin ich bald auf kleiner Lesetour, bei der ich in musikalischer Begleitung von Saxophonist Antonio Lucaciu einige Auszüge aus „Von und über – Clueso“ vorstellen werde. Antonio spielt zwar nicht regelmäßig in meiner Band, ist aber ein langjähriger Wegbegleiter an meiner Seite, darum freue ich mich auf unsere nächste gemeinsame Reise.

Was liest Clueso auf Tour?

Bücher müssen mich finden – das ist meine Philosophie. Ich bekomme regelmäßig spannende Literatur empfohlen, die dann genau zu meiner gegenwärtigen Verfassung passen. Gerade habe ich „Die italienischen Schuhe“ von Henning Mankell gelesen und beschäftige mich jetzt mit Henry Miller bzw. mit seinem Roman „Im Wendekreis des Krebses“. Außerdem habe ich immer Gedichte von Charles-Pierre Baudelaire dabei.

Und welche Schlagzeile würdest du gerne selbst einmal über dich lesen?

Ein Traum wäre natürlich, wenn irgendwann geschrieben steht: Clueso rockt alles weg!

Daran arbeitest du ja bereits fleißig: Das Letzte, was du vor deinem neuen Album von dir hören hast lassen, war deine klangvolle und sehr intensive Zusammenarbeit mit der STÜBA Philharmonie – ein Meilenstein in deiner Karriere?

Definitiv. Ich bin froh und stolz, dass dieses mehrjährige Projekt gesund wachsen konnte und wir es auf einer Doppel-CD festgehalten haben. Die STÜBA Philharmonie ist ein leidenschaftliches Jugendspaßorchester, in dem auch einige Leute mitspielen, die das Ganze als Hobby betreiben und im normalen Leben einer geregelten Tätigkeit, zum Beispiel als Tischler oder Hebamme, nachgehen. Viele von ihnen planen ihren Jahresurlaub so, dass sie möglichst viel mit dem Orchester unterwegs sein können. Genau diese bedingungslose Hingabe zur Musik ist in jedem Ton zu hören – auch wenn nicht alles professionell oder perfekt klingt. Dafür hat der Sound einen ganz besonderen Groove und absolut nichts mit steifer Klassikmusik zu tun.

Die meisten Musiker können nur davon träumen, mit einem großen Orchester aufzunehmen: Welche Erfahrungswerte hast du davon bei den Arbeiten an deinem neuen Album ‚An und für sich‘ mitnehmen und anwenden können?

Ich habe gelernt, eine gewisse Ordnung in meine Musik zu bringen – auch wenn ich überhaupt kein Ordnungsfanatiker bin. Aber aufgeräumt muss nicht immer glatt sein. Vielmehr geht es darum, Platz für die besonderen Klänge zu schaffen und sich dabei auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Welchem Musikstil würdest du dich derzeit persönlich zuordnen?

Ich bin reifer geworden, muss niemandem gefallen. Mein neues Album groovt wieder mehr und hat unter anderem Einflüsse aus elektronischen Musikrichtungen zu bieten. Alles in allem ist das mein Sound, also schlicht und ergreifend Cluesomusik.

Welche Künstler besitzen für dich eine gewisse Vorbildfunktion?

Baudelaire ist mein klarer Favorit in Sachen Lyrik. Von Bob Dylan gefällt mir musikalisch nicht alles, aber ich finde es immer wieder spannend, seine abstrakten Texte neu zu entdecken und zu verstehen. Ansonsten lasse ich mich gerade etwas treiben, was Musikvorbilder betrifft.

Dich treibt es im April wieder in österreichische Konzertgefilde. Kannst du dich an deinen allerersten Österreichauftritt erinnern?

Vor elf Jahren haben wir in der Arena Wien auf der Hip Hop Tour 2000  gespielt. Alles sehr chaotisch, was daran lag, dass der Schweizer Veranstalter und Tourbegleiter mit der Kasse abgehauen ist. Außerdem gab es obendrauf noch mächtig Beef unter den anderen Hip Hoppern, schlimmer als im Kindergarten, was mir persönlich aber eher egal war. Deswegen habe ich ein paar schräge Erinnerungen an meine Österreichpremiere, freue mich aber trotzdem jedes Mal aufs Neue, wenn ich hier Konzerte spielen darf.

Wir freuen uns ebenso auf das nächste Gastspiel von Clueso. Bis zum 27. April  im Wiener Gasometer.