Do, 9. Oktober 2014

Alles außer Langeweile

GusGus im Interview

GusGus aus dem isländischen Reykjavík sind seit 1995 ein Garant für euphorisierte Tanzflächen. Mit ihrem neunten Album ‚Mexico‘ hat die mittlerweile zu einem Quartett geschrumpfte Band die mitsingtauglichsten Stücke veröffentlicht. Gründungsmitglied Biggi Veira und Högni Egilsson, früher Sänger bei Hjaltalín, haben mit VOLUME über Pop, volle Tanzflächen und die Gedanken eines Zehs philosophiert.

Ihr feiert nächstes Jahr euren 20. Bandgeburtstag – GusGus sind quasi Veteranen der Clubmusik!

Högni Egilsson: Als ich als wirklich junger und grundsätzlich neugieriger Künstler dieser Musikinstitution beitreten durfte, war ich sehr angetan. Die Gang kennenzulernen war zugleich das Entdecken einer ganz neuen Dimension des Schreibens von Musik. Dieser ganze elektronische Ansatz war für mich eine Tür zu einer ganz neuen Welt.
Biggi Veira: GusGus sind ja auch nicht exakt eine Clubband. Ich würde uns eher als Popband bezeichnen. Unsere Einflüsse stammen aus den frühen Achtzigern – besonders New Wave wie Soft Cell oder Depeche Mode und die restliche Musik, die damals halt herauskam. Und natürlich haben wir uns auch an House bedient. Somit war zu unserer Gründung 1995 der Tanzflächenaspekt, den wir mit aufgegriffen haben, nur eine weitere Zutat für die Suppe. Klar waren wir immer mit dem Clubsound eng verbunden, aber würden uns darüber nicht definieren.

Aber es stimmt doch, dass sich euer Publikum so ekstatisch abgeht wie in einem fetten Club…

Högni Egilsson: Allerdings! Die Leute drehen tatsächlich total durch. Das haben wir bei unseren letzten Konzerten in Europa erst wieder bemerkt. GusGus ist für mich in erster Linie das Verlangen, sich zu bewegen, dem Geist ein wenig Ruhe zu geben und sich alleine durch den Körper auszudrücken. Über diese Wucht ist es möglich, einfach mal nur reine Emotion zu sein, was einem meditativen Zustand nahe kommt. Diese starke Wirkung ist ganzheitlich und recht selten zu finden.
Biggi Veira: Der Großteil unserer Musik stellt eine körperliche Verbindung mit dem Zuhörer her. Und da viele Leute ja keinen Sport treiben, brauchen sie die Möglichkeit, sich körperlich zu verausgaben. Deshalb ist es gut für Leute, die Muckibude einfach sein zu lassen und zu unseren Konzerten zu kommen.
Högni Egilsson: Ich denke oft, dass diese Distanz zum Körper und das Gefangensein im eigenen Kopf etwas mit unserer aktuellen Gesellschaft zu tun hat. Alle hinterfragen sich ständig, nehmen ihr Umfeld ausschließlich geistig wahr und fragen sich niemals: ‚Was denkt wohl mein Zeh?‘
Biggi Veira: Und das Individuum besteht eben nicht nur aus seinem Geist – es geht um das gesamte Ich – und darum, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Tanzen ist eine traditionsreiche Möglichkeit, Menschen auf dieser Ebene zusammenzubringen.

Und ihr bringt ja immer mehr Menschen zusammen: Euer letztes Album ‚Arabian Horse‘ war ja das bislang erfolgreichste eurer Karriere. Fühlt ihr euch von diesem Erfolg unter Druck gesetzt oder eher erleichtert?

Biggi Veira: Mir hat dieser Erfolg ganz viel Freiheit gegeben. Danach dachte ich einfach: Okay, alle lieben dieses Album, diese Platte ist außerdem das Beste, das wir jemals gemacht haben. Also, abhaken und irgendwas anderes auf die Beine stellen.

Euer aktuelles Album ‚Mexico‘ besitzt definitiv mehr Songstrukturen und die Stücke haben auf jeden Fall noch mehr Hitpotenzial.

Biggi Veira: Ich werde eben älter und kann mich immer mehr mit dem Gedanken anfreunden, auch mal einen Hit zu schreiben (lacht). Ich funktioniere sehr einfach, meine Herangehensweise an Musik ist sehr simpel. Ich mag Pop. Aber nur, wenn er mich fesselt. Das gilt auch für Clubmusik. Sie muss auf eine Art und Weise fesseln. Das gesamte Songwriting dahinter ist auch wichtig, aber das bedeutet nicht, dass darüber hinaus nicht noch ein catchy Element dabei sein kann.
Högni Egilsson: Es gibt zwei wichtige Parameter, wenn es um Musik geht: Einmal ein catchy Element zu kreieren, das Leute mitreißt und einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Dazu kommt der künstlerische Ansatz, eben ein eigenes Universum zu schaffen, in dem die Welt bzw. der Alltag in einem anderen Licht erscheint.
Biggi Veira: Als Musiker arbeitest du ja an vielen Stücken Tag für Tag, Nacht für Nacht – manchmal auch nur an einem Loop. Dabei gibt es ein Gesetz: Was dich langweilt, muss weg. Und um alles, was wir gerade besprochen haben, zusammenzufassen: Gute Musik ist etwas, was dich nicht langweilt. Egal, ob
Pop oder nicht.

VOLUME ist sich vollkommen sicher, dass sich am 5. Dezember beim Konzert von GusGus im Wiener Porgy & Bess niemand langweilen wird!