Fr, 2. März 2018

Abtauchen im Mittelater - Kingdom Come: Deliverance

Das Jahr ist 1403 und in Böhmen geht es ab. Dies ist der Hintergrund von Kingdom Come: Deliverance, einem der ambitioniertesten Rollenspiele der letzten Jahre.

[/link] Die Welt ist außerordentlich stimmig.

Keine Helden

Man spielt Heinrich, der als Sohn des Schmieds seinem Vater aushilft. Heinrich kann nicht kämpfen, nicht lesen, und hat keine herausstechenden Talente oder Eigenschaften. Als sein Heimatdorf angegriffen wird, und seine Eltern von den einfallenden Ungarn umgebracht werden, schwört er Rache. Doch das ist nicht so einfach, denn ein einfacher Mann im Mittelalter kann nicht mal eben in den Krieg ziehen. So verbringt man die ersten Spielstunden damit kämpfen zu lernen, und in eine Armee aufgenommen zu werden. Und selbst dann ist Heinrich nicht wie in Spielen wie Skyrim üblich auf einmal General, sondern ein einfacher Fußsoldat mit mäßig guter Ausstattung.

Der Fokus von Kingdom Come: Deliverance liegt eindeutig auf einer realistischen Darstellung des Mittelalters. Stand in der Gesellschaft, Erbfolge, Gott, das sind die wichtigen Themen die angesprochen werden, wenn auch aus einem etwas moderneren Blickwinkel, um das Publikum des 21. Jahrhunderts nicht allzusehr zu entfremden. Dass dabei fast nebenbei eine erstaunlich gute Geschichte erzählt wird, ist bemerkenswert. Charaktere wirken großteils sehr menschlich, haben Stärken und Schwächen, Träume über die Zukunft, und Dialoge klingen eher selten wie für das Spiel konstruiert. Hin und wieder hört man schon etwas in Richtung “Ich brauche 5 Wolfspelze”, aber es wurde viel Bedacht darauf gelegt, auch solche einfachen Quests in die Spielwelt einzubetten.

[/link] So sieht es im Nahkampf aus. Richtung auswählen und zuschlagen.

Mit Schwert und Schild

Das Kampfsystem ist ebenfalls für einen höheren Grad an Realismus ausgelegt als im Genre üblich. Jede Waffenart hat eigene Angriffsmuster, und verhält sich auch unterschiedlich. Grundsätzlich wählt man aus aus welche Richtung ein Schlag erfolgen soll, und welche Art dieser haben soll. Ein Schwert kann etwa schneiden oder stechen. Man kann Finten schlagen, um Gegner auszutricksen, Combos lernen, blocken, kontern, ausweichen – alles, was man für einen Kampf braucht. Im Endeffekt ist das Spiel allerdings bei weitem nicht schwer genug um wirklich alles einsetzen zu müssen, es geht hier mehr um die präferierte Art des Kampfes. Ich habe die meisten Kämpfe rückwärtsgehend erledigt und auf Konter gewartet, Combos mit der Maus sind mir zu fitzelig.

Wer das Adrenalin des Nahkampfs vermeiden will kann auch mit Pfeil und Bogen auf Distanz bleiben. Oder schleichen. Generell macht das Kämpfen schon Spaß, aber Realismus kommt schwer auf, wenn Gegner mehrere klar tödliche Angriffe wegstecken, oder unmenschlich schnell parieren. Auch lässt die Gegner-KI schwer zu wünschen übrig.

[/link] Dem Tode nah? Roter Bildschirm.

Simulation gegen Spiel

Viele Mechaniken im Spiel sollen die Immersion steigern. Heinrich muss etwa essen, schlafen, Wunden pflegen und so weiter. Essen im Inventar verdirbt mit der Zeit, Waffen werden stumpf, Kleidung wird dreckig. Das meiste wirkt allerdings nur in den ersten Stunden als hätte es Relevanz, später erkennt man schnell, dass einmal mit Essen vollstopfen für einen Tag reicht, Schlaf überbewertet wird, und Kleidung nur für manche Interaktionen wichtig ist. Außer man legt Wert darauf, dass kein NPC die Nase rümpft, wenn man mit ihm redet. Was bleibt sind mehrere überladene Menüs mit Dingen, die einen die meiste Spielzeit nicht interessieren.

Die Charakterentwicklung ist etwas bizarr, einerseits wird Heinrich einfach stärker, kann mehr laufen und mehr tragen. Andererseits kann man teilweise den Realismus des Spiels durch erlernbare Fähigkeiten aushebeln.

Käferjagd

Ich mag die Idee hinter Kingdom Come: Deliverance. Das Spiel ist nicht perfekt, aber die Vision der Entwickler ist klar erkennbar und zu weiten Teilen gut umgesetzt, man versinkt in der Spielwelt. Dann tritt einer der hunderten Bugs und/oder seltsamen Interaktionen auf, und man lacht entweder, oder schließt frustriert das Spiel. Quests können etwa aufgrund von beliebigen Parametern scheitern. So sollte ich mit einem Charakter reden, ging aber vorher zu einem Händler da mein Inventar voll war. Auf der Hälfte des Weges wurde die Quests abgebrochen, und die nächste fing an. Ich wusste nicht einmal, dass ich mit dem Charakter zu reden hatte, noch weniger auf ein mögliches Limit. Auch waren viele Dialoge für mich fast unhörbar leise. Das Spiel speichert an bestimmten Punkten automatisch, was in vielen Situationen die Folgen von Bugs extrem verschärft. Wer frei speichern will muss ein Item einsetzen.

[/link] Dass das Aufsammeln von Kräutern die Kameraperspektive verändert ist eine verwunderliche Design-Entscheidung.

Fazit

Kingdom Come: Deliverance hat viele gute Ideen, und offensichtlich viel Liebe zum Detail. Der intendierte Realismus beißt sich oft mit den Spielmechaniken, hilft aber andererseits die Welt glaubwürdig zu machen. Die Geschichte ist erstaunlich fesselnd (wenn auch etwas unfertig) und gut geschrieben. Über das etwas zu einfache Kampfsystem und überraschend irrelevante Dinge wie Essen könnte ich hinwegsehen, nicht aber über die vielen Bugs und Ungereimtheiten. Selbst wenn man es nicht darauf anlegt, wird man wohl oder übel darüber stolpern. Wer das Mittelalter liebt, und mit den Eigenheiten leben kann, wird aber auf jeden Fall glücklich.

— Christian Novotny
Bewertung

Urteil + Spielwelt großartig in Szene gesetzt + Gute Handlung + Gut umgesetzter historischer Hintergrund - Schwache KI - Bugs - Unnötige Spielmechaniken
Alles in Allem Good