Mi, 29. Jul 2020
Flache Welt, tiefgehender Spielspaß

Flache Welt, tiefgehender Spielspaß

Paper Mario: The Origami King

Die Paper Mario-Reihe hat seit 20 Jahren eine Sonderstellung im Nintendo-Universum. Mehr Humor, mehr Zahlen, mehr Mut als in einem durchschnittlichen Mario-Spiel. Nun also ein neuer Eintrag, und frustrierten Fans vom hochgelobten Paper Mario Spiel Die Legende vom Äonentor sei an dieser Stelle gleich mal etwas gesagt: Nein, auch Paper Mario: The Origami King ist wieder kein echtes Rollenspiel. Ändert aber nichts daran, dass wir viel, viel Spaß damit hatten.

3D ist besser. Zumindest wirkt es auf den ersten Blick so, als ob das das Motto des Origami-Königs Olly sei – er schnappt sich das komplette Papier-Pilzkönigreich und seine Bewohner inklusive Prinzessin Peach, um es in Origami zu verwandeln. 2D-Mario hat da natürlich etwas dagegen, vor allem weil die Origami-Bösewichte nach dem Falten wirken, als hätte ihnen etwas auch gleich das Hirn weggefaltet. Mit Hilfe der Schwester von König Olly namens Olivia zieht Mario also los, um das Königreich zu entfalten.

Wenn ihr die Stelle selbst spielt, ergibt sie Sinn. Versprochen.

Die Story wirkt auf den ersten Blick komplett absurd und niedlich. Lasst euch davon aber nicht täuschen – was ihr in den ungefähr 30 Stunden von Paper Mario: The Origami King erlebt, gehört mit zum witzigsten und oft auch berührendsten, was wir je in einem Spiel erlebt haben. Ihr durchstreift mit Mario und Olivia die wunderschön aufgebaute Papierwelt, an jeder Ecke findet ihr zerknüllte Toads, die ihr aus ihrem Unglück befreien könnt. Und was die zu erzählen haben, hat uns mehr als einmal laut auflachen lassen. Vollgepackt mit popkulturellen Anspielungen und Metahumor haben die Story und die Dialogqualität von The Origami King nichts mit den zwei Seiten zu tun, auf die die Story eines durchschnittlichen Mario-Spiels normalerweise passt. Was uns besonders überrascht hat: Es gibt auch einige Momente, die richtig stark auf die Tränendrüse drücken. Bereitet euch darauf vor, einige Male mit offenem Mund und einer Träne im Augenwinkel dazusitzen. Die Geschichte und der Humor sind mit Abstand die größte Stärke des Spiels.

Eingepackt ist das Ganze in eine wie schon erwähnt wunderbare Spielwelt. Serientypisch gibt es an jeder Ecke kleine Details oder versteckte Goodies zu entdecken, die Reise geht von Toad Town über eine japanisch angehauchte Herbstlandschaft bis hin aufs weite Meer. Gerade, wenn ihr das Gefühl habt, von einer Gegend genug zu haben, schickt euch The Origami King weiter ins nächste Gebiet. Vorbildlich, was Nintendo und Entwickler Intelligent Systems hier abliefern.

Nach dem Anordnen der Gegner bekommen sie eins auf die Nuss.

Das Umfeld passt also, wie sieht es mit dem Gameplay aus? Im Kern könnte man Paper Mario: The Origami King ein Rollenspiel nennen – aber auch nur, weil die Kämpfe gegen die Origami-Gegner rundenbasiert ablaufen. Stellt euch dabei auf eine komplett neue Erfahrung ein, denn das Kampfsystem haben wir in dieser Form noch nie gesehen. Mario befindet sich in der Mitte einer ringförmigen Arena, die Gegner verteilen sich auf die Felder rundherum. Nun habt ihr kurz Zeit, die Ringe so anzuordnen, dass die Gegner so günstig wie möglich für eure Sprung- oder Hammerattacken stehen. Schafft ihr die optimale Kombination, bekommt Mario einen Schadensboost und ihr könnt den Kampf theoretisch beenden, ohne dass die Gegner überhaupt am Zug waren. Wir sagen theoretisch, denn wenn ihr nicht gerade Meister im geometrischen Denken seid, können die Kämpfe ganz schön herausfordernd werden. Gerade bei komplizierteren Gegneraufstellungen ist es uns oft nicht gelungen, die Origami-Goombas, Koopas etc. richtig zu platzieren. An sich ist das kein Problem, das Kampfsystem ist verzeihend genug, um auch ohne perfekte Anordnung gewinnen zu können. Allerdings gehen die Kämpfe gerade später dann schnell in den Frustbereich, wenn euch das Spiel die fünfte Denknuss in Folge vor die Füße wirft und ihr keine Ahnung habt, wie das jetzt wieder funktionieren soll.

Bei Bossen wird’s dann schnell mal kompliziert.

Für die Bosskämpfe müsst ihr dann nochmal komplett umdenken, denn bei denen steht der Boss in der Mitte und Mario muss es durch geschicktes Anordnen von Ringfeldern zu ihnen schaffen, um sie angreifen zu können. Ein netter Kniff, der auch immer spannend bleibt – genervt hat uns nur, dass die richtige Strategie gegen die Bosse oft Trial and Error ist. Ohne Fehlversuche ist es meistens nicht offensichtlich, was ihr jetzt am besten tun solltet. Nach gewonnenen Kämpfen gibt’s keine Erfahrungspunkte, sondern Münzen. Mit denen kauft ihr bessere Schuhe oder Hämmer für Angriffe sowie Ausrüstungsgegenstände für mehr Lebenspunkte oder Widerstandskraft. In der Welt verteilt findet ihr außerdem permanente Upgrades für eure Lebensenergie, die anscheinend auch die Angriffskraft von Mario verstärken. Wir sagen „anscheinend“, denn so etwas wie Statuswerte gibt es nicht. Wie gut oder schlecht ein Ausrüstungsgegenstand ist, müsst ihr aus der Kurzbeschreibung rauslesen. Gerade, weil dieses System so rudimentär bleibt, und ihr auch ansonsten wenige Möglichkeiten zur Charakterentwicklung bekommt, ist Paper Mario: The Origami King kein Rollenspiel im eigentlichen Sinne. Großen Spaß macht das alles aber trotzdem, auch wenn die Ringkämpfe teilweise frustige Momente bieten.

Paper Mario: The Origami King schafft einen wunderbaren Spagat: Im Prinzip ist es mit seinem überschaubaren Schwierigkeitsgrad und seinen niedlichen Charakteren ein Kinderspiel. Durch diverse Denknüsse und die überraschend tiefgehenden und humorvollen Dialoge und Storywendungen werden aber auch Erwachsene viel Spaß mit dem Spiel haben. Von uns gibt es für Paper Mario: The Origami King eine eindeutige Kaufempfehlung.

— Martin Hammerl

8.5

Das Gute

+ mitreißende, lustige und gefühlvolle Story und Dialoge

+ irre charmante Spielwelt

+ großer Umfang (an die 30 Stunden)

+ originelles Kampfsystem…

Das Schlechte

- …das gerne auch mal frustig wird

Shortcut Paper Mario: The Origami King
Release 17. Jul 2020
Studio Intelligent Games
Publisher Nintendo
Alles in Allem Great