So, 15. November 2015

Fallout 4 - Review

War. War never changes. Mit diesen Worten wurden Gamer der ganzen Welt im Juni zum Jubeln gebracht und alle wussten, dass es bald wieder soweit sein würde: Bethesda bringt ein neues Open World Game aus der Fallout Serie heraus! Der Hype war groß und die Fans pushten sich kontinuierlich gegenseitig auf höhere Level der Begeisterung. Doch wenn man sich viel erwartet, kann auch die Enttäuschung entsprechend groß sein. Wir sehen uns an, ob Fallout 4 alle Versprechen hält und den Erwartungen gerecht wird oder bloß ein gut vermarkteter Flop ist.

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It’s all over but the crying…

…and nobody is crying but me. Aber es handelt sich um Tränen der Freude, denn sobald man das Spiel hochfährt, wird man von einer mächtigeren und bewegenden Version von Inon Zurs großartigem Fallout Theme begrüßt. Der perfekte Köder und ein gelungener Einstieg, der uns auf das Ödland der nordamerikanischen Ostküste einstimmt. Das Spiel macht einen soliden und edleren Eindruck als seine Vorgänger und lässt uns gleich zu Beginn zum ersten Mal in der Geschichte der Serie die Zeit vor der nuklearen Apokalypse und dem Ende der Zivilisation als Spieler erleben. Man erstellt in einer bunten und einfachen Welt im Stil der 1950er Jahre ein Ehepaar, dessen Kind automatisch anhand der elterlichen Phänotypen generiert wird und spielt entweder mit der Gattin oder dem Gatten in einem Szenario, welches im Handumdrehen von alltäglich zu apokalyptisch umschlägt. Denn der Krieg zwischen den USA und China, welcher bis dahin wie ein Damoklesschwert über den Häuptern der Menschheit schwebt, ist eskaliert: Nukleare Sprengköpfe sind eingeschlagen und Familien retten sich in den nächstgelegenen Atombunker namens Vault 111. Nachdem man in eine Kryo-Kapsel gesperrt und eingefroren wurde, vergehen etliche Jahre. Man erlebt wie Fremde für einen kurzen Moment die Bewohner der Vault und Opfer des Kryo-Experiments auftauen, den Ehepartner ermorden und das Baby rauben. Bevor man handeln kann, wird man wieder in den künstlichen Tiefschlaf versetzt, bis man schließlich durch eine Fehlfunktion der Kühlung als einziger überlebender Bewohner des Bunkers erwacht und sich auf die Suche nach dem gekidnappten Nachwuchs macht.

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Bethesda. Bethesda never changes.

Die Elder Scrolls Reihe ist dafür bekannt, dass der Spieler als Gefangener beginnt und auf die eine oder andere Weise die Freiheit gewinnt, um unendliche Abenteuer zu erleben. In den Fallout-Spielen unter Bethesdas Fittichen scheint sich die Suche nach einem Familienmitglied als Gemeinsamkeit zu entwickeln. Die treibende Kraft hinter Fallout ist zudem um einiges stärker, als bei der Elder Scrolls-Serie, denn bei letzterer (das meisterhafte Morrowind selbstverständlich ausgenommen) wird der Spieler mit der Aufgabe die Welt zu retten einfach in die Pampa entlassen, während unsere liebste postapokalyptische Spieleserie immer einen persönlichen Zugang gewählt hat.

 

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In Fallout 4 macht Bethesda alles richtig, was es bisher auch richtig gemacht hat, begeht aber auch wieder die selben Fehler: Probleme bei Animationen, fehlerhafte oder gar fehlende Passagen mancher Dialoge und einige weitere Bugs sind bereits seit Oblivion aus dem Jahr 2006 ein wiederkehrendes Problem und reißen den Spieler erbarmungslos aus der sonst so fesselnden Spielwelt heraus. Auch die I.K. (Inverse Kinematics), welche bei menschlichen Charakteren überarbeitet wurde, schlägt beim Schäferhund des Spielers komplett fehl und äußert sich in unnatürlichen Körperhaltungen auf Treppen und ähnlichen Schrägen. Von solchen Schönheitsfehlern abgesehen, wirkt der First Person Shooter mit starken Rollenspielelementen sehr solide. Erfahrungsgemäß werden künftige Patches besagte Unsauberkeiten lösen, schön ist es aber im Moment dennoch nicht.

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East Coast 1.5

Zwar ist Fallout 4 ein auf einer verbesserten Gamebryo Engine basierendes Standalone, doch spielt es sich nicht unbedingt anders als seine zwei Vorgänger. Das ist jedoch keineswegs negativ gemeint, denn Spaß macht das Gameplay trotzdem. Man läuft in Ego- oder 3rd Person Perspektive durch die Welt und macht auf brutalste Art und Weise Gulasch aus allem, was unsympathisch auftritt – und das unter Begleitung von übelst obszönem Humor und wahlweise klassischen Musikstücken oder feinstem 50er Swing und Rock ‘n’ Roll. Was jedoch keinen Spaß macht, ist die Tatsache, dass das “Next-Gen” Spiel auf den aktuellen Konsolen nicht unbedingt besser aussieht als Fallout 3 auf der XBox 360 oder PS3. Matschtexturen und unnatürliches Verhalten von Licht und Schatten sind die auffälligsten der vielen grafischen Minderleistungen. Die PC-Fassung ist da deutlich höher auflösend und sieht im Gegensatz zu den Konsolen-Versionen fast schon aus wie ein Spiel aus dem Jahr 2015.
Einigermaßen wett gemacht wird das alles durch die vielen Mechaniken, wie zum Beispiel Handhabung von Kontamination mit Radionukleiden, Dialoge, sowie das Karma- und Leveling-System, welche stark überarbeitet oder gar von Grund auf neu designt wurden. Dialoge sind dynamischer als in Skyrim und quasi eins mit der übrigen Spielwelt. Verschiedene Kameraeinstellungen sorgen für ein abwechslungsreiches und filmähnliches Erlebnis. Radioaktive Strahlung verursacht nun nicht mehr Stat-Mali, sondern besetzt direkt die Healthbar und reduziert (natürlich nur bis zur nächsten Dekontamination) die durch Heilungs-Items regenerierbare Gesundheit. Durch Aufleveln erhält man keine Stat-Punkte mehr, sondern man wählt direkt Perks aus einem unglaublich großen Skill-Tree aus. Leider sind manche Kombinationen so übertrieben mächtig, dass das Spiel (unabhängig vom gewählten Schwierigkeitsgrad) durch sie viel zu einfach wird – aber in diesem Zusammenhang gilt: Jeder ist seines Spielvergnügens Schmied.

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“Wer bist du nochmal?”

Eine Frage die ich mir zu vielen Begleitern aus bisherigen Bethesda-RPGs oft gestellt habe, denn bis auf wenige Ausnahmen haben sie weder Persönlichkeit noch Relevanz. In Fallout 4 wirken die Begleiter jedoch sehr lebendig. Sie folgen dir nicht nur auf deinen Reisen, sondern sie reagieren auch auf deine Taten. Das Karma-System ist nun nicht mehr global, sondern ein für jeden Begleiter individueller Wert, der bestimmt wie sehr sich der NPC mit dem Verhalten des Spielers identifizieren kann und dementsprechend auch seine Sympathie ihm gegenüber. Jeder Begleiter hat auch seine eigene Hintergrundgeschichte, Bedenken und Anliegen, die Stück für Stück mit wachsendem Vertrauen in netten Gesprächen vermittelt werden. So entsteht eine Bindung zwischen dem realen Spieler und der virtuellen Figur, die einen durch das gefährliche Ödland begleitet. Zum ersten Mal erlebt man in einem Bethesda-RPG Freundschaft, die entstehen, aber auch wieder zerbrechen kann.

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Können wir das schaffen? Yo, wir schaffen das!

Der Schwierigkeitsgrad in Fallout 4 ist moderat und durch die vielen Schwierigkeitsstufen findet man schnell eine angenehme Einstellung für das ultimative Ödland-Erlebnis. Das Erkunden der trostlosen und deprimierenden Spielwelt induziert im Spieler einen kathartischen Prozess und wirkt entspannend, während die Hauptstory den filmreifsten Twist in der Geschichte von filmreifen Twists bietet. Doch das sind nicht die einzigen Belohnungen für das weite Reisen, denn von nun an kann Schrott an Werkbanken zerlegt und verwendet werden, um Häuser, ja sogar Siedlungen und ganze Festungen zu bauen. Auch Waffen und Rüstungen lassen sich einfach zu mehr als brauchbaren Gegenständen verbessern.  Man könnte fast meinen, dass es sich beim Bau-System um ein ingame Construction Set handelt, denn die Handhabung ist unkompliziert (wenn auch manchmal etwas verbuggt) und macht einen Heidenspaß. Generatoren, Lichter, Sound-Boxen und weiterer Schnickschnack können verwendet werden, um die ganz persönliche Residenz zu individualisieren und zu verzieren. Sollte es einmal keine Quests mehr zu erledigen geben – was übrigens so schon unwahrscheinlich ist – lassen sich noch mit Leichtigkeit aus dem Ressourcen-Management-Metagaming zwischen den gebauten, von Raidern befreiten und eingenommenen Siedlungen Tage an aktivem Spielspaß gewinnen. Könnte das vielleicht das eigentliche Spiel sein?

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Fazit:

Bethesda hat mit dem Release von Fallout 4 wieder einmal klar gemacht, dass sie die unangefochtenen Meister der Open World RPGs sind. Erkunden und Entwickeln funktionieren besser denn je, Crafting und der Baustellen-Simulator liefern zusätzliche Stunden an Spielspaß und die einzigartige Story mit ihren krassen Twists, wie auch die zahlreichen Begleiter sorgen für die notwendige Dosis an Emotionen. Das Ödland ist herausfordernd, bewegend, regt die Kreativität an und bietet unendlich viel zu entdecken. Nahezu alles funktioniert intuitiv und sorgt von Anfang bis zum Ende für ein geschmeidiges Erlebnis. Zwar wurde punkto Grafik, Polishing, und Kontinuität der Story insgesamt viel falsch gemacht, dennoch ist das Spiel in einem besseren Zustand als viele andere Titel es zu Release waren. Ich würde dem Spiel gerne eine schlechtere Wertung geben, aber es ist auf Grund des immensen Spielspaßes, den ich hatte, nicht mit einem guten Gewissen möglich. Es gibt noch so viel über das Spiel zu erzählen, was den Rahmen des Reviews leider komplett sprengen würde.

— Aryan Havrest
Bewertung

Urteil + Intuitives Gameplay für wochenlangen Spielspaß + Bewegende Story + Tolle Interaktion mit Begleitern + Waffen- und Rüstungsmods und Häuser bauen - Miese I.K. - Grafisch viel zu überholt (Konsole) - Plotholes und Bugs
Alles in Allem Awesome