Do or Die - Ein Leben als Streamer

Do or Die - Ein Leben als Streamer

Miss Rage im Interview

Wir haben uns nach Klagenfurt aufgemacht, um Österreichs größte Streamerin zu treffen. Julia „Miss Rage“ steht uns Rede und Antwort wie es in der Szene aussieht, was man tun muss, um Erfolg zu haben und wie man Arbeit und Freizeit so verbindet, dass man seinen Traum leben kann.

Hallo Miss Rage! Kannst du dich bitte für unsere Fans da draußen kurz mal vorstellen.

Klar kein Problem. Ich bin die Julia Kreuzer. – im Internet eher bekannt als Miss Rage. Ich bin mittlerweile 29 Jahre alt und ich arbeite seit 5 ½ Jahren Vollzeit als Streamerin auf Twitch. Oder auch Influencer, also ich mach alle Social Media Kanäle auch noch mit. Meine Hauptspiele: ich hab damals angefangen mit League of Legends zu streamen, bin dann zu Counter-Strike gewechselt und mittlerweile würde ich mich selbst als Variety-Streamer bezeichnen.

Wie schaut für dich so ein typischer Tag oder auch eine Woche als Streamerin aus? Machst du dir Pläne oder streamst du frei Schnauze was dir gerade einfällt?

Ich mach das Ganze jetzt schon seit über 6 Jahren, 5 ½ Jahre eben hauptberuflich und ich muss sagen für mich selber funktionieren Schedules oder Zeitpläne eigentlich nicht so gut. Weil ich weiß, dass es mir da – wenn ich mich daran halte – leider mental nicht so gut geht. Weil dann dieser Druck wieder da ist. Für mich persönlich ist einfach das Schöne dran Streamer und selbstständig zu sein, dass man sich selbst einfach alles einteilen kann. Sobald ich das nicht mehr kann hat man nicht mehr diese Freiheit. Es fühlt sich wieder an wie „du bist gezwungen“, „du musst das machen“ und so weiter.

Von dem her habe ich ganz grobe Richtlinien an die ich mich halte. Ich streame 6 Tage die Woche, ich habe einen Tag „streamfrei“, so nenn‘ ich es jetzt einmal – es ist kein freier Tag, es ist ein streamfreier-Tag. An dem Tag mach ich dann halt vermehrt meine Steuern, E-Mails, arbeite an neuen Projekten, schneide ein Video für Youtube auch wenn das nicht mein Hauptpunkt ist oder nehme mir den Tag wo ich wieder neue Bilder für Instagram mache. Aber das ich jetzt sage ich habe einen Montag, wo ich League of Legends streame, Dienstag mach ich Counter-Strike oder fixe Tage wo ich bestimmte Spiele zocke gar nicht. Weil für mich ist es so, ich stehe auf und heute lustet es mich nach World of Warcraft oder League of Legends.

Geht glaube ich jedem Gamer so, dass du einfach zwischendurch Bock hast ein bestimmtes Spiel zu spielen und dann wiederum kannst du das gleiche Spiel einfach mal 3 Wochen gar nicht sehen. Und dadurch, dass ich mich doch jeden Tag zwischen 5, 8, oder 10 Stunden am PC hinsetze und ein Spiel spiele ist es für mich persönlich ganz wichtig, dass ich das spiele worauf ich Lust hab. Nicht das was gerade auf Twitch angesagt, hipp und cool ist – ob es jetzt Fortnite ist oder was auch immer – sondern ich spiele wirklich das was mir Spaß macht. Ich merke einfach auch, dass die Zuschauer mehr Spaß haben an meinen Streams wenn ich selber in einer guten Laune bin und Spaß dabei hab als wenn ich mich hinsetze und sag „Boah jetzt muss ich heute schon wieder League of Legends für 5 Stunden spielen“.

Gerade wenn du sagt du streamst 6 Tage die Woche, dann doch auch immer längere Zeiten am Stück. Was bleibt da an Freizeit wirklich übrig abgesehen von allem was mit dem Stream zu tun hat?

Ganz wenig. Ich war in den über 6 Jahren gerade einmal zwei Tage in Italien, das war vor 3 oder 4 Jahren, und dieses Jahr hab ich mir einmal vier Tage frei genommen und war mit Freunden 4 Tage wieder in Italien. Wirkliche Freizeit bleibt nicht viel, ich probiere es mir jetzt so einzuteilen, wenn ich Termine habe mach ich die am Vormittag und den restlichen Nachmittag bis Abend streame ich dann und am Abend habe ich dann noch einmal Zeit, dass ich mit Freunden was essen gehen kann. Oder an speziellen Tagen wenn ich mit Freunden etwas ausgemacht habe dann nehme ich mir den Tag extra einmal frei. Ich habe schon gelernt für mich selbst eine Balance zu finden, wo ich sage Freunde haben Vorrang wenn jetzt irgendein Event ist. Dann versuche ich auch meinen Stream darum ein bisschen zu biegen.

Ich habe deshalb auch einfach keine fixen Streamzeiten mehr, weil es einfach einfacher ist. Wenn ich sag ich hab am Vormittag gar nichts vor, dann streame ich vormittags, wenn ich am Vormittag was vor habe, dann schaue ich eben, dass ich davor oder danach online bin. Also so ist alles sehr flexibel, prinzipiell verbringe ich noch immer genug und viel Zeit mit meinen Freunden. Vor allem auch in den letzten zwei Jahren hab ich mich sehr darum gekümmert, dass wirklich auch mein Privatleben nicht unbedingt darunter leidet. Es ist natürlich klar, dass das mehr oder weniger gezwungener Maßen passiert wenn man so viel streamt. Es ist aber einfach der Druck den man hat „du machst nur Geld wenn du streamst“. Wenn du jetzt sagst du nimmst dir einen Tag frei, dann ist das nicht nur wie in einem normalen Job, dass du Urlaub hast und wirklich abschalten kannst, sondern du hast immer im Hintergrund „heute verdiene ich kein Geld“. Dafür muss ich dann morgen umso mehr und umso besseren Content machen. Also von dem her muss ich sagen ich habe am Anfang sehr viele Probleme damit gehabt, mittlerweile habe ich gelernt wirklich die Balance zu finden.

Aber ich müsste trotzdem noch einmal einen Schritt weiter gehen und sagen, dass ich mir wirklich jedes Jahr zwei Wochen Urlaub komplett frei nehme. Einfach nur für einen selber die Batterien wieder aufladen, das kennt glaub ich jeder egal in welchen Bereich man arbeitet. Es ist eben einfach nur schwerer wenn man gerade so sehr in der Öffentlichkeit steht, weil dann auch die Community jedes Mal fragt „oh wann streamst du denn wieder“. Du hast zwar eh geschrieben, dass du zwei Wochen nicht da bist und kriegst aber trotzdem jeden Tag die Nachrichten. Dann hat man natürlich noch im Hintergrund die Gedanken, ob die Leute mir danach überhaupt noch zuschauen oder vielleicht finden sie wen anderen der besser ist als ich… Aber man muss das einfach lernen, denke ich.

Gerade weil jetzt doch schon relativ lange im Streaming tätig bist – wie stehen deiner Einschätzung nach die Chancen und Möglichkeiten heute noch mit dem Streamen anzufangen? Ist der Einstieg als Streamer heute einfacher oder schwerer als noch zu deiner Beginnzeit?

Viel schwerer! 100%ig! Ich sag es auch immer wieder wenn ich heute von Null anfangen würde, das würde nie so gut funktionieren wie es vor 6 Jahren funktioniert hat. Ich hatte wirklich Glück – das hat nichts mit mir zu tun – dass ich irgendwie außergewöhnlich lustig oder gut in einem Spiel bin. Bei mir war es im Endeffekt so, dass ich eine von wenigen – vor allem Mädels – war damals auf der Plattform. Ich hab damals auch nicht gewusst, dass man damit Geld verdienen kann. Für mich war es einfach – ich glaub als Österreicher kennt man das eh – es gibt nicht allzu viele Leute die bei uns zocken beziehungsweise ist es relativ schwer diese Leute zu finden und für mich war es mehr so, wenn ich streame dann kommen vielleicht Leute vorbei die das gleiche Spiel wie ich mögen, finde ich dann Leute mit denen ich spielen kann. Das war eher mein Hintergedanke und das ist dann eben gewachsen. Ich glaube das war auch mit ein Punkt warum es funktioniert hat. Ich habe nicht getryharded, ich habe nicht gesagt „boah ich mach das jetzt nur wegen dem Geld oder weil ich berühmt werden will“ sondern ganz einfaches Zocken miteinander.

Und damals waren es definitiv viel weniger Leute die gestreamt haben. Damals waren es wahrscheinlich 100 Leute, mittlerweile sind es Tausende jeden Tag die zugleich laufen. Es ist auf jeden Fall viel schwieriger das Ganze noch anzufangen, ich glaube aber trotzdem wenn man eine Persönlichkeit ist oder zum Beispiel besonders gut in einem Spiel ist und man sich von der Masse hervorhebt kann man heutzutage noch genauso groß werden wie damals. Es ist nur schwieriger aus der Masse heraus zu stechen. Ich glaube man muss halt einfach das gewisse Etwas haben.

Also war dein Start einfach Twitch aufdrehen – Null Besucher – und irgendwann ist es dann angestiegen.

Genau. Ich habe damals noch Vollzeit als Einkäuferin gearbeitet. Für mich war der Job einfach so stressig, ich habe es gehasst und ich habe halt immer sowieso gezockt. Dann war eben das Problem, dass nicht genug Leute da waren die mit mir gespielt haben. Ich habe selber schon immer Twitch geschaut, habe ganz vielen League of Legends Streamern damals zugeschaut. Ein Kumpel von mir hat dann gesagt er will es auch probieren selbst zu streamen weil er neues Internet hatte. Dann bin ich drauf gekommen, dass ich die gleiche Internet Verbindung habe wie er, ich hab eigentlich einen PC der gleich gut ist wie seiner – kann ich eigentlich auch probieren. Ich habe eh immer gezockt. Ob ich dann das OBS daneben laufen hab oder nicht macht für mich keinen Unterschied und habe halt den Chat daneben offen gehabt. Am Anfang waren es halt zwei Leute, drei Leute die zugeschaut haben. Zuerst nur die normalen Freunde, der Rest ist halt so reingeplätschert. Das Ganze ist dann organisch gewachsen. Klar zwischendurch ist da mal ein berühmterer Streamer gekommen der dich gehostet hat. Aber im Endeffekt weiß man selber – solche Hosts sind einmal kurz – ein zwei Tage – ein Hype und danach flacht das Ganze wieder ab.

Wie ist deine Entscheidung zwischen Deutsch und Englisch auf deinem Stream gefallen? Beziehungsweise die Hybrid Variante bei der du momentan einfach beides mischt.

Also am Anfang war es für mich eigentlich gleich klar, dass es Englisch wird. Ich habe von Anfang an immer Englisch geredet. Einfach dadurch, dass ich League of Legends gespielt habe und da wurde im Ingame-Chat immer Englisch geschrieben. Und für mich war es klar – oder so habe ich mir es halt eingebildet – wenn ich streame werde ich keine Österreicher oder Deutschen finden die mit mir spielen. Mittlerweile ist es einfacher, du kannst auf Twitch auch schon die Sprachen eingeben in denen du streamst – ich glaub das hat es damals noch nicht gegeben. Deshalb war es für mich einfach klar den internationalen Weg zu gehen. Damals war mein Englisch auch noch schlechter aber mittlerweile spreche ich lieber Englisch als Deutsch. Ich hab es gern, dass einfach fast jeder Mensch Englisch versteht vor allem wenn er im Internet und Gamingbereich unterwegs ist. Es ist einfach schöner, dass man seine Community nicht auf einen gewissen Raum einschränkt sondern wirklich für jeden die Möglichkeit bietet zuzuschauen.

Für mich war es eigentlich nie wirklich eine Frage ob ich auf Deutsch wechseln würde. Ich muss sagen höchstwahrscheinlich, wenn ich meinen Content komplett auf Deutsch machen würde, wäre ich wahrscheinlich erfolgreicher. Das klingt jetzt blöd aber ich hab zum Beispiel eine Zeit lang „Deutsche Dienstage“ gehabt. Damit hab ich vor zwei Jahren wieder aufgehört. Damals habe ich immer einen Tag in der Woche auf Deutsch gestreamt und immer viel mehr Zuschauer gehabt. Könnte natürlich auch der Hype gewesen sein weil es nur einmal die Woche war. Aber für mich war die Community leider viel zu toxisch. Ich habe damals auf Deutsch Counter-Strike gespielt und wenn ich keine vier deutschsprachigen Kumpels gerade da gehabt habe zum Spielen habe ich halt Solo gespielt. Wenn du Solo spielst in Counter-Strike, dann musst du natürlich Englisch mit deinen Teammates kommunizieren. Wenn ich am „Deutschen Dienstag“ im Spiel kurz auf Englisch gecalled hab, dann war gleich „warum redest du englisch? Es ist der deutsche Dienstag… Mimimi…“. Ich hab im Prinzip alle zwei Minuten irgendjemandem erklären müssen, warum ich bestimmte Sachen jetzt auf Englisch sage und bin trotzdem noch angemeckert worden. Wenn es umgekehrt war, wenn ich meine normalen englischen Streams hatte und dazwischen ein bisschen Deutsch geredet habe, das war für die Englischsprachigen nie ein Problem. Darum habe ich nach ein paar Jahren gesagt, dieses ganze Gejammer tue ich mir nicht mehr an. Jetzt mittlerweile habe ich meinen Stream eben zweisprachig. Wenn mich wer etwas auf Deutsch fragt, dann antworte ich auf Deutsch und umgekehrt auch auf Englisch.

Wie gestaltet sich so das Durchschnittsalter von deinen Zuschauern?

Also von den Statistiken her zwischen 18 und 23 bis 25. Dazwischen liegt die Hauptgruppe. Volljährig auf jeden Fall.

Das ist ja verhältnismäßig alt für Twitch Zuschauer. Gerade viele neue Twitch Streamer leben ja viel von Spenden und Subscriptions. Du sagst für dich selbst dein Haupteinkommen kommt nicht daraus sondern von denen Deals die du dir über die Jahre ausgehandelt hast. Aber wie siehst du das, gerade weil eine Hauptzielgruppe von Twitch nicht volljährige Zuschauer sind, zwecks Geld und Spenden?

Also ich sage immer die Leute müssen wirklich selbst wissen, wie willst du dein Geld verdienen. Wie kannst du das mit deinem Gewissen vereinbaren.
Für mich war es von Anfang an klar ich möchte nie in der Situation sein, dass ich – zum Beispiel weil ich auf Urlaub oder krank war und eineinhalb Wochen nicht gestreamt habe und es dann vielleicht knapp wird, dass ich diesen Monat meinen Kredit zurück zahlen kann oder Essen für mich und meine Tiere kaufen muss – meine Community anbetteln muss „Mah Leute ich brauch mindestens noch 500 Euro diesen Monat. Es wäre echt cool wenn ihr subscriben könnt“. Ich hasse das einfach. Ich habe absolut nichts dagegen wenn jemand charitymäßig sowas macht.

Ich verstehe, dass viele Menschen den Traum haben Vollzeit Streamer zu sein und deshalb gibt es viele Leute die diese monatlichen Spenden Goals haben und ich verurteile die Leute auch gar nicht. Das muss jeder für sich selber wissen. Aber für mich persönlich wäre das nie eine Option, dass ich Leute um Geld anbetteln muss. Vor allem die Leute die mich eigentlich groß machen. Weil für mich ist es wichtig, dass meinen Content immer gratis verfügbar ist. Ich will, dass jeder darauf Zugriff hat. Deshalb ist es auch für mich auch ganz wichtig, dass ich sicher zwischen 70 und 80 Prozent von meinem Einkommen aus diesen Sponsorverträgen oder den Projekten mit unterschiedlichen Firmen rein bekomme und nicht anders herum.

Ich weiß, dass es sehr viele Leute gibt, gerade in der Fortnite Szene, wo das Durchschnittsalter der Zuschauer glaub ich bei 14 oder noch niedriger liegt aber von dem her bin ich sehr froh, dass eigentlich wirklich über alle Social Media Kanäle hinweg alles volljährige Follower sind. Aber ich glaub auch mein Content ist eher für Erwachsene zugeschnitten weil wir doch öfter sehr offene Themen haben. Deshalb muss man bei meinem Stream auch seine Volljährigkeit bestätigen bevor man einschaltet. 😉

Gott sei Dank habe ich diesen guten Hintergrund mit dem Verhandeln von Verträgen aus meinem alten Job im Einkauf. Ich habe damals eigentlich den ganzen Tag nichts anderes gemacht als Verträge verhandelt.

Die Frage bekommst du wahrscheinlich immer gestellt. Frauen im Gaming. Siehst du hier eine Verbesserung im Laufe der Zeit oder wird man immer noch abgewertet als zockende Frau – vielleicht sogar noch schlimmer?

Klar also man kriegt das immer noch jeden Tag an den Kopf geworfen. Es ist egal ob man gerade anfängt zu streamen, ob man 10 Zuschauer hat oder 100 oder 1000. Ich glaube nicht wirklich, dass sich jetzt was geändert hat. Vielleicht ein bisschen wenn es darum geht in der Öffentlichkeit repräsentiert zu werden. Also in Zeitschriften, in Magazinen, in Artikeln online. Es wird auf jeden Fall sehr viel mehr akzeptiert. Man ist jetzt auch nicht mehr so DAS EINE Mädchen das Computer spielt. Das wird schon viel mehr normalisiert, was ich auch gut finde. Ich glaub gerade in meiner Generation war es damals noch so – die Jungs haben ihre Konsolen gehabt, die Mädels haben mit ihren Puppen gespielt oder sich geschminkt. Ich war halt damals das Mädl, das sich vom Papa zum zehnten oder zwölften Geburtstag einen Nintendo 64 gewünscht und gekriegt hat. Die N64 habe ich jetzt noch bei mir stehen – eine pinke durchsichtige Konsole – und das war so mein erstes tolles Ding. Ich glaube einfach, in den Generation die nach uns kommen, da wird es keinen Unterschied mehr machen. Wenn ich jetzt ein Kind hätte, ist jetzt egal ob es ein Bub oder Mädchen ist, und er oder sie will Videospiele spielen, dann dürfen die das auch. Ich glaube, dass es hauptsächlich noch die Generation vor uns war mit „Mädchen müssen das machen und Junge müssen das machen“. Heute ist es schon eher egal – die größten Make-Up Influencer sind Männer, die größten Gaming Influencer sind teilweise Frauen. Also mittlerweile gibt es da Gott sei Dank gar keine Linien mehr, es verschwimmt alles ineinander.

Wie gesagt die Vorurteile am Stream wird man immer haben. Die blöden Sachen kriegt man immer an den Kopf geworfen. Das sind einfach Leute die glauben, dass wenn sie ins Internet gehen und ihre Negativität anderen Leuten an den Kopf schmeißen, dass sie sich selber dann besser fühlen. Ich sage immer wenn ich damit helfen kann, dass es einem anderen besser geht weil er mir sagen kann, dass ich schlecht im Computerspielen bin – Mein Gott, dann soll es so sein. Ich kontere das immer mit irgendwelchen lustigen Sprüchen und meistens kommt dann entweder gar nix mehr oder dadurch entsteht ein lustiges Hin und Her im Chat. Das ist dann nur noch unterhaltsamer für die Community. Oder ich habe auch ganz viele Leute die in meinen Chat rein gekommen um mich zu attackieren. Wenn du dann ein cooles Comeback hast sind sie verwundert und verstehen, vielleicht ist das doch nicht einfach nur ein Mädl das da sitzt weil sie für das Zocken bezahlt wird. Ich hab dadurch wirklich auch schon tolle Freunde gemacht. Also es kommt glaub ich immer drauf an wie man damit umgeht.

Du hast professionell auch an Turnieren teilgenommen. Empfindest du Situation im Profibereich schlimmer oder besser?

Ich habe letztes Jahr aufgehört. Mein letztes Turnier war 2018 im April. Davor hab ich ca. 2 ½ Jahre mit einem Team professionell gespielt wo wir wirklich 4-5 mal die Woche trainiert haben und auf LANs gefahren sind.

Es kommt drauf an, es wird genauso wie im normalen Streaming viel besser. Es gibt natürlich noch immer den großen Skill-Niveau Unterschied – das ist ein Fakt. Kann man darüber diskutieren warum das der Fall ist aber es gibt mittlerweile so viele tolle Förderungen, Firmen, Sponsoren und Teams die wirklich Frauen die Chance geben auch professionell zu spielen. Wenn es auch teilweise nur in eigenen Frauenturnieren ist.

Als ich angefangen habe war es ganz schlimm. Da wollten Jungs gegen uns nicht einmal trainieren. Wir haben damals unsere Namen und Avatare ändern müssen oder haben neue Accounts gemacht weil die Leute sonst einfach ohne Respekt gegen dich spielen. Es gibt noch immer Menschen die so sind aber man sieht es zum Beispiel gerade in Counter-Strike – es gibt schon viele Mädels die mittlerweile in der FPL (Pro-Liga) mitspielen. Ich kann mich erinnern ganz am Anfang gab es noch Jungs die haben gesagt „na da is ein Mädchen im Team – ich join dem Spiel nicht“. Mittlerweile ist es so, dass wenn sich ein Typ traut irgendwas gegen das Mädchen zu sagen – vor allem in E-Sports – sind fünfzehn andere dahinter die dem Typen sagen, dass er bitte seinen Mund halten soll. Gerade in der Profiszene ist es viel besser geworden.

Wenn es noch darum geht, was die Leute so casual drüber sagen – ich kann es verstehen. Zum Beispiel gerade in Counter-Strike sind die besten Frauenteams vom Niveau her weit unter den besten Männer Teams. Trotzdem hat es jetzt im Sommer ein 100.000 Euro Frauen Counter-Strike Turnier gegeben. Wenn Männer auf dem gleichen Level spielen würden wie die Mädls (in solch einem Turnier), dann würden sie vielleicht 5.000 bis 10.000 Euro auf dem Skillevel gewinnen können.

Ich sag immer, wenn man nur 1.000 Leute hat die ein Spiel spielen, dann wird dabei vielleicht eine einzige Person sein, die das Talent hat profimäßig zu spielen. Wenn man sich dann ansieht wie viel tausende Männer ein Spiel spielen und wie viel tausende Frauen? Also von dem her ist es normal, dass es weniger gute Frauen gibt als Männer. Wie gesagt das wird sich in den nächsten Generationen sowieso ändern und das wird in der Zukunft kein Thema mehr sein! Ich finde es aber super, dass diese kleineren Zahlen an Frauen gefördert werden und es ist auch wichtig, dass es solche Frauenturniere gibt. Einfach um das Encouragement zu geben sich nicht unterkriegen zu lassen. Auch wenn es „nur“ Frauenturniere sind. Mittlerweile steigt das Skill-Level von Jahr zu Jahr mehr und ich glaube es wird nicht mehr sehr lange dauern bis Frauen wirklich auch ganz oben mitmischen werden.

Wo wir schon beim E-Sport sind. Siehst du, dass E-Sport wirklich eine Zukunft als Sport hat? So wirklich angesehen ist es ja noch nicht, geschweige denn bei uns im – was das Thema Gaming betrifft – konservativen Österreich?

Das ist halt so eine Diskussion ob E-Sport jetzt Sport ist oder nicht. Meiner Meinung nach: wenn Schach ein Sport sein kann warum sollte E-Sport kein Sport sein. Mir ist es im Prinzip aber wirklich wurscht ob da jetzt der Stempel drauf ist. Ich glaub die ganzen Medien können es nicht mehr verleugnen, dass E-Sport etwas ganz Großes ist. Alleine wenn man sich die ganzen Viewerzahlen von großen Turnieren ansieht – ganz egal ob es jetzt die World Finals in League of Legends sind oder die Majors in Counter-Strike oder DOTA Majors. Für alle die das irgendwie noch versuchen zu verleugnen, dass es keine Relevanz hat – die Leute leben einfach in der Vergangenheit. Für mich ist es eigentlich egal als wie es betitelt wird. Wir wissen alle wie groß E-Sport ist und wie viel Potential dahinter steckt. Es ist auch schön zu sehen, dass mittlerweile große Konzerne – egal ob Automobilkonzerne oder Clothingbrands – anfangen Teams zu sponsern. Es wird alles viel kommerzieller, es fließt viel mehr Geld rein und meiner Meinung nach hat das alles eigentlich nur das Potential in der Zukunft noch mehr zu wachsen.

Nochmals zurück zu dir persönlich. Wie siehst du deine Zukunft als Streamerin? Wie lange glaubst du noch streamen zu können und welche Pläne hast du für deine Zukunft?

Es ist ganz schwierig zu sagen. Also mit dem streamen ist es natürlich ein auf und ab. Ich brauche das nicht zu verleugnen das meine „Primetime“ quasi schon vorbei ist. Es ist auf Twitch mittlerweile sehr schwer weil es einfach so viel Konkurrenz gibt. Gerade bei den ganzen Spieletrends, egal ob Fortnite oder andere. Ich bin eben nicht eine, die Spiele spielt die mir nicht gefallen nur weil sie Trend sind. Das heißt für mich nur weil  Fortnite trendy ist und du Tausende von Zuschauern haben kannst wenn du es streamst – wenn mir persönlich das Spiel nicht gefällt werde ich es nicht spielen! Ich springe nicht auf den Hype auf und kann damit vielleicht nicht unbedingt noch mehr Zuschauer mitnehmen. Das sind persönliche Entscheidungen, die vielleicht für das Business nicht die Besten sind. Dafür geht es mir mental gut.

Es ist beim Streamen eben nicht so wie in anderen Jobs wo man sagt „so jetzt steck ich mehr Arbeit hinein und damit bekomme ich einen bestimmten Erfolg dazu„. Im Streaming kannst du es nicht oder nur schwer beeinflussen. Es kann sein, dass ich jetzt auf einem Plateau bin, weiter aufsteige oder in Viewer Zahlen falle. Vielleicht kommt aber nächsten Monat genau das neue Spiel raus mit dem ich wieder nach oben schieße. Es ist immer ein auf und ab. Ich glaube die Community die ich jetzt habe wird sich nicht mehr verkleinern und sie ist momentan auch so gut wie noch nie. Auch wenn ich von den Zuschauerzahlen vielleicht weniger hab, ich habe so viel mehr Interaktionen. Dinge die man nach außen hin vielleicht nicht sieht. Zum Beispiel Instagram Nachrichten die ich tagtäglich bekommen. Ich versuche mich wirklich nicht auf die Viewer Zahlen auf Twitch festzulegen oder zu sagen „puh jetzt schauen mir nur noch 200 Leute zu anstatt 300“.

wie lange ich mich persönlich noch im Streaming sehe ist ganz schwierig zu sagen. Vor allem weil wir Streamer natürlich auch schauen müssen wie das ganze Sache mit Artikel 13 oder Ähnlichem in den nächsten Jahren weitergeht. Aber prinzipiell mach ich mir mal keine Sorgen, ich glaub, dass ich das auf jeden Fall noch einige Jahre machen kann. Solange es Leute gibt die da sind und mir zuschauen möchten, sich an meinem Leben interessieren – egal ob es jetzt auf Twitch oder Instagram ist – werde ich das auf jeden Fall noch weiter machen.

Was ich mir persönlich vorstellen könnte was super funktionieren würde sollte es irgendwann einmal nicht mehr funktionieren: Ich komme aus dem Business des Einkaufs und Verhandeln und bin mit Streaming mehr oder weniger von Anfang an gewachsen. Ich würde  total gerne Künstlern, Influencern, Streamern egal ob Youtube, Instagram oder Twitch aus einer Managerposition helfen. Vor allem jungen Leuten die keine Ahnung haben wie viel sie wert sind und einfach helfen faire Verträge auszuhandeln, Business Kontakte aufzubauen und so weiter. Das wäre etwas, was mich total reizen würde und was ich in der Zukunft irgendwann einmal gerne machen würde. Aber im Moment juckt es mich zu sehr das Ganze für mich selbst zu machen und selbst zu spielen. Aber wer weiß ob ich später mal Familie habe und Kinder oder so und deswegen nicht mehr 8 Stunden am Tag vorm PC sitzen kann.

Zum Abschluss noch: In einer Woche startet die Gamescom und wir scharren schon in den Startlöchern. Wir haben schon herausgefunden, dass du selbst auch dabei sein wirst. Worauf freust du dich am meisten in Köln?

Die Community! Für mich ist Gamescom wirklich reines Community-Treffen. Die ganzen Spiele und so weiter sind zwar super interessant und gerade an den ersten ein bis zwei Tagen kann man mit Business Meetings seine Partner, Sponsoren und vielleicht zukünftige Sponsoren ausbauen. Der Rest ist für mich aber wirklich nur Community. Die Gamescom ist in Europa einfach sehr zentral, gerade im deutschsprachigen Bereich. Ich glaube der Großteil meiner Community – falls sie auf ein Event kommen würden – dann wäre das die Gamescom. In den letzten Jahren habe ich jedes Mal hunderte von Leuten getroffen. So viele Bilder in denen man getagged wird, so viele tolle Geschichten die man hört oder Leute die auf einen zukommen und erzählen sie schauen meinen Stream seit 5 Jahren jeden einzelnen Tag aber trauen sich nie im Chat „Hallo“ zu sagen weil sie einfach lieber lurken. Und dann kommt diese Person einfach im echten Leben auf dich zu. Das ist so viel wert. Auch wenn ich sagen muss Gamescom ist jetzt nicht unbedingt etwas wo ich persönlich hinfahren würde weil es für mich einfach viel zu viele Menschen sind, viel zu warm, viel zu *uagh* – für die Community fahre ich doch wirklich gerne hin.

Danke für das wundervolle Interview, die tollen Einsichten in dein Leben als Streamerin und dein sehr offen Gedanken zu E-Sport und Thema Online-Streaming!

Miss Rage findet ihr auf Twitch, Instagram und (so wie uns) auf der gamescom in der Kölnmesse!

 

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