Der Stift ist mächtiger als das Schwert
The Perfect Pencil im Test
Die Vorstellung hat etwas Tröstliches: Was, wenn psychische Probleme wie Depressionen oder Angstzustände etwas wären, dem man physisch eins auf die Nuss geben kann? The Perfect Pencil geht dieser Frage nach und macht ein sehr gutes Metroidvania im Hollow Knight-Style daraus.
Wenn ihr The Perfect Pencil startet, blendet das Spiel erst mal eine Warnung ein, die wir an dieser Stelle wiederholen möchten. Wenn ihr mit Themen wie Trauma oder psychischen Erkrankungen Schwierigkeiten habt, dann ist dieses Spiel nichts für euch. Denn genau das sind die Dinge, mit denen Protagonist John es aufnehmen muss. John hat es prinzipiell schon nicht leicht: Als er aufwacht, hat er keinen Kopf mehr. Das bleibt aber nicht lange so, denn ein Wesen mit Scheinwerfer als Kopf verpasst ihm eine Videokamera als Kopfersatz. Als Waffe bekommt John noch den namensgebenden Bleistift, mit dem er ab sofort eine riesige Spielwelt im Metroidvania-Style erkundet. Und los geht das Abenteuer, um aus dem Reich von „Sie“ zu entkommen.

Verstörend, süß, einzigartig
Ihr werdet an dieser Stelle schon merken, The Perfect Pencil ist ein seltsames Spiel. Und das meinen wir als großes Kompliment, denn wir können mit Fug und Recht sagen, dass uns selten so eine einzigartige Spielwelt untergekommen ist. Hier beweist sich wieder mal der Grundsatz, dass ein spannender Artstyle weit wichtiger ist als die reine Grafikpracht.
Die handgezeichneten Hintergründe und Figuren schwanken zwischen absurd, süß und verstörend – ihr trefft süße Großmütter, aber auch Mannbabys, die euch mit riesigen Kissen bewerfen. Das könnt ihr so nehmen, wie ihr es seht, aber sämtliche Elemente in der Spielwelt laden auch dazu ein, zu hinterfragen, wofür sie jetzt stehen. Dass es zum Beispiel die Mannbabys vor lauter Angst kaum aus ihren Kissen oder Kinderwägen schaffen und euch das oft auch wortreich mitteilen, hat natürlich mehr als eine Ebene. So ist The Perfect Pencil tatsächlich eines dieser seltenen Spiele, das uns auch nach dem Spielen noch zum Grübeln gebracht hat.

Hollow Knight lässt grüßen
Spielerisch ist das Vorbild von The Perfect Pencil leicht auszumachen, denn es fühlt sich stellenweise wirklich sehr nach Hollow Knight an. John steuert sich ziemlich genau wie der Knight, der Bleistift fühlt sich wie der Nagel an, und wenn ihr sterbt, ist erstmal alle eingesammelte Währung weg. Es gibt aber feine Abweichungen zum Vorbild, die uns sehr gut gefallen haben: Die Kamera etwa, die John als Kopf dient, könnt ihr zum Scannen eurer Umgebung nutzen, woraufhin John dann einen manchmal witzigen, manchmal nachdenklichen Kommentar loslässt. Karten kauft ihr außerdem nicht beim Händler, sondern ihr müsst in der Spielwelt selbst Kugeln finden. Wenn ihr alle in einem Abschnitt zerstört, habt ihr einen neuen Abschnitt der Karte freigeschalten. Die Karte braucht ihr auch dringend, denn The Perfect Pencil ist sehr groß. An allen Ecken und Enden findet ihr Geheimnisse oder zerstörbare Wände, hinter denen sich Goodies verbergen – ganz wie beim großen Vorbild Hollow Knight.
Es soll natürlich Schlechteres geben, als wenn man sich eines der besten Spiele aller Zeiten zum Vorbild nimmt, aber mit den Vorteilen kommen dann auch die Nachteile: nämlich dann, wenn der Vergleich eindeutig zugunsten des Vorbilds ausgeht. John steuert sich einfach nicht so präzise wie sein Vorbild, auch die Kämpfe gegen die zahlreichen Gegner und Bosse fühlen sich oft schwammig an. Und die Spielwelt selbst ist sogar noch unübersichtlicher als bei Hollow Knight. Wir sind mehr als einmal Runden gelaufen, um nach dem richtigen Weg zu suchen, der uns weitergebracht hat.

Empfehlung? Ja, aber…
The Perfect Pencil ist kein Spiel, das jedem Menschen gefallen wird. Zu hart sind die Themen manchmal, zu abstrakt die Botschaften, die das Spiel vermitteln möchte. Insgesamt handelt es sich aber hier für uns um eines der interessanteren Spiele der letzten Jahre, und auch abseits des Settings, wenn es rein um den Spielspaß geht, macht The Perfect Pencil weit mehr richtig als falsch. Wir würden euch sehr empfehlen, zumindest einen Blick zu riskieren – und sei es nur deswegen, damit ihr eurer Depression mal so richtig eine reinhauen könnt.
— Martin HammerlDas Gute
+ Einzigartige, stellenweise wunderschöne Spielwelt
+ Kompetent gemachtes Metroidvania
+ Technisch meist sauber umgesetzt
Das Schlechte
- Steuerung nicht ganz knackig
- Spielwelt manchmal unübersichtlich