Mi, 16. März 2016

Der Tod ist ein Meister aus Deutschland

VOLUME Filmpreview: Son of Saul

Dass es im Vernichtungslager kein Honiglecken ist, dass die Nazis in knackigen Uniformen bösartige Befehle brüllen, dass das Leben nichts wert ist, das hat man alles schon gesehen. Darum rollt Son of Saul die Geschichte anders auf.

Der Holocaust, also die systematische Ermordung der europäischen Juden durch Nazi-Deutschland und seine Verbündeten, wurde oft filmisch dargestellt. Immer im weltpolitischen Kontext, immer möglichst authentisch. Regisseur Nemes, der für diesen Film zu Recht dieses Jahr mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, geht einen anderen Weg. Man sieht in diesem Film relativ wenig, die Kamera bleibt immer bei Saul, einem ungarischen Juden, der im Sonderkommando arbeitet. Das bedeutet, dass er die Leichen der in den Gaskammern ermordeten Kinder, Frauen und Männer wegschaffen und ihre Kleidung nach Wertgegenständen durchsuchen muss.

Dafür wird man durch die Tonspur daran erinnert, dass hier die europäische Zivilisation zerbricht. Statt auf Leichenberge mit der Kamera draufzuhalten und dadurch eine Übersättigung zu erreichen, statt langer Dialoge mit Erklärungen, statt totaler Darstellungen des Vernichtungslagers, bekommt man nur Details mit, die man – jeder Zuschauer für sich – selbst zusammensetzen muss. Das entfaltet eine Wirkung, eine Vermittlung der Unerträglichkeit, wie selten zuvor. Das unmenschliche System lässt nur wenig Menschliches über. Vom Versuch einen Rest von Würde zu behalten, handelt dieser Film. Empfehlung!


Regie: László Nemes
Mit: Géza Röhrig
Kinostart: 18.03.2016
Bewertung: 4/5