Fr, 6. Februar 2015

We have to go back!

Game Review: Life Is Strange: Episode I - Chrysalis

Lange ist es her, seitdem im Genre des interaktiven Film mit Heavy Rain ein Meilenstein gesetzt wurde. Nun soll mit dem Zeitreisen-Game Life is Strange das Erfolgsprinzip weitergeführt werden. Mit dem Episoden-Adventure will Entwickler Dontnod den Fokus auf ausgefeiltes Storytelling und spannende Settings legen. Das Abenteuerspiel, das sich Drama-Klassiker zum Vorbild nimmt, überrascht mit viel Liebe zum Detail und leicht konsumierbaren Rätseln.

Campus Simulator mit Charme
Nach Jahren in Seattle zieht die junge High-School Schülerin Maxine Caulfield zurück in ihre Heimatstadt Arcadia Bay. Hier geht sie auf die Blackwell Academy und findet sich schnell in einer Mischung aus reichen Tussis, attraktiven Intellektuellen und einem ziemlich lahmen Schulalltag wieder. Hört sich nicht wirklich besonders an? Richtig, denn Max lebt im Grunde das ganz normale Leben einer jugendlichen Highschool-Absolventin.

Einzig ihre Liebe zur Photographie unterscheidet sie von vielen ihrer Kommilitonen. Freilich interessiert die das Hobby der schüchternen Max kaum. Allerdings scheint der Lehrer des entsprechenden College-Kurses mehr in ihr zu sehen. Wenngleich eher faul und wenig lernwillig, scheint Max eine Art Gabe zu haben, die Realität einzurahmen. Und so ist die PolaroidSofortkamera auch ihr stummer Begleiter im Alltag und all den Abenteuern, die ohne Vorwarnung auf sie einbrechen werden.
Das Telltale Erfolgsprinzip

Vorweg ist zu sagen, dass Life Is Strange ein episodisches AbenteuerSpiel aus Third-Person-Sicht ist, was so viel heißt wie, dass ihr es noch nicht durchspielen könnt, da die weiteren Episoden erst im Monatstakt erscheinen. Wie schon bei Dreamfall Chapters, das einen ähnlichen Ansatz verfolgt, können wir demnach nur den ersten Part des Fünfteilers beurteilen. Hier macht Entwickler Dontnod Entertainment (Remember Me) bereits Vieles richtig. Kurz nach der Ankunft in der neuen Highschool bemerkt Max ihre Fähigkeit, die Zeit zurück zu drehen. Das hat handfeste Vorteile, denn Entscheidungen in Dialogen oder Handlungen können plötzlich revidiert werden. Von der falschen Antwort, bis hin zum lebensrettenden Geistesblitz: Max wird im Laufe der folgenden Spielstunden zahlreiche Aktionen mehrmals erleben, um das Beste daraus zu machen. Den Lehrer mit tollen Antworten beeindrucken, um keine Aufmerksamkeit zu erregen? Kein Problem, wenn man nur Augenblicke zuvor die exakt passende Antwort von einer Mitschülerin gehört hat. Dies nimmt aber auch etwas den Reiz, wenn man weiß, dass man wichtige Entscheidungen nochmal ändern kann, nachdem man die initiale Konsequenz erlebt. Oh, wie gerne hätte ich in Telltales The Walking Dead die Zeit zurückdrehen wollen…

Keine Besonderheit
Max kann die Zeit nicht beliebig zurückdrehen, sondern ist auf spezielle Szenen angewiesen. Ein entsprechendes Icon zeigt dann auch, dass wir bei einem erneuten Spielen der Szene weitere Optionen im Dialog oder der Handlung haben. Diese Hilfe hätte es allerdings nicht wirklich gebraucht, denn die dahinter versteckten Rätsel sind vergleichsweise banal und einfach zu lösen. Man hätte hier viel mehr rausholen können, vor allem da man „Teleportieren“ kann. Denn wenn Max die Zeit zurückdreht, hat dies Einfluss auf ihre Umgebung, aber nicht auf sie selbst. Das heißt, wenn wir eine Szene von einem bestimmten Standort miterlebt haben, uns bewegen und danach die Zeit zurückdrehen, erleben wir die Szene von einem anderen Ort nochmals.

Auch die Story nimmt erst mit der Zeit wirklich Fahrt auf. Anfangs wirkt es fast so, als wolle Entwickler Dontnod die Lethargie des lahmen Highschool-Alltags ins Spiel übertragen. Denn trotz etwaiger Mordversuche auf der Mädchen-Toilette vermissen wir Geschwindigkeit im Erzählfluss. Wenn Max‘ Entscheidungen – ob mit oder ohne Zurückspulen – plötzliche spürbare Auswirkungen auf die Gegenwart oder Zukunft haben, wird die Sache interessant. Aber die meisten Auswirkungen wird man wohl erst in den nachfolgenden Episoden erleben. Erst in den letzten Minuten lebt die Story richtig auf, eben genauso, um den Spielern Lust auf die folgenden Kapitel zu machen.

Mehr Einführungskapitel als Genremeilenstein
Die erste Episode von Life Is Strange nimmt sich einen beachtlichen Zeitraum, um den Spieler in die Fähigkeiten von Maxine Caulfield einzuführen. Das ist einerseits gut, denn offene (Gameplay-)Fragen bestehen nach den ersten 30 bis 60 Minuten (je nach Spielweise) definitiv nicht mehr. Allerdings sorgt dies auch für einen holprigen und etwas langwierigen Start, der Spieler ohne Geduld verschrecken könnte.
Das Dontnod-Abenteuer verzichtet auf ein riesiges Waffen-Arsenal, zünftiges Geballer oder rasante Action, tangiert aber behutsam viele Spiele-Tabuthemen wie Mobbing oder psychische Gewalt im Elternhaus. Hierauf liegt freilich nicht der Fokus – das Leben der Maxine Caulfield (und ihrer Freundinnen) wirkt dadurch aber äußerst authentisch. Die Rätsel selbst sind über weite Strecken ziemlich anspruchslos. Wer knifflige Hirnarbeit sucht, wird bei Life Is Strange wohl nicht glücklich. Obwohl Life Is Strange auf der modernen Unreal-4-Engine basiert, ist die Grafik eher durchwachsen – wie es auch bei Remember Me schon der Fall war. Durch einige Stil-Elemente wie Aquarell-Effekte lockern die eher starren Polygone aber auf. Richtig hochwertig ist der moderne Soundtrack. Gerade die Indie-Titel von Künstlern wie Mogwai oder Syd Matters tragen zur großartigen, gleichwegs melancholischen Grundstimmung à la Juno bei. Einer der größten Mängel ist allerdings die Lippensynchronisation. Selbst in der englischen Originalfassung bewegen sich die Lippen so gut wie nie zum Gesprochenen. Ein Punkt, der einen wahnsinnig machen kann, wenn man das Spiel wie einen Film genießen will.

Fazit
Wer storylastige Abenteuer-Spiele zum Zurücklehnen mag, sollte unbedingt einen Blick auf Life Is Strange werfen. 20 Euro für alle fünf Episoden ist definitiv ein Preis, bei dem man ohne viel Überlegen zugreifen kann. Sofern man eine Microsoft- oder Sony-Spielekonsole der aktuellen oder letzten Generation besitzt, kann man sich auch eine Gratis-Demo herunterladen. Auf der Plattform Steam (PC) ist eine solche Version noch nicht veröffentlicht worden.


ENTWICKLER: Dontnod Entertainment
PUBLISHER: Square-Enix
GENRE: Graphic Adventure
PLATTFORM: PS3, PS4, Xbox 360, Xbox One, PC