Di, 14. Oktober 2014

Ballistic Battle Ballet

Game Rezension: Bayonetta 2

Lang und intensiv haben Platinum Games an der Fortsetzung ihres Action-Hits gearbeitet. Bayonetta 2 sollte nicht nur seinen Vorgänger übertreffen sondern – mit Unterstützung von Nintendo – vorallem auch zeigen, wozu die Wii U in Sachen Core Games fähig ist.

   
Das ist Bayonetta

Wer Bayonetta nicht kennt, auf den kommt ganz schön was zu – insbesondere wenn man bedenkt, dass man auf einer Nintendo Konsole spielt.  Die gleichnamige Protagonistin des Games ist eine Hexe vom Stamm der Umbra, die sich durch einige augenscheinliche Attribute auszeichnet. Mit Pixiecut und Sekretärinnenbrille, endlos langen Beinen, die in ein wohlbetontes Hinterteil übergehen, einem Gang wie ein Laufsteg Modell und einem hautengen Kostüm, das sich im Kampf ständig bis auf ein paar wesentliche(!) Stellen völlig verflüchtigt, kann man kaum anders als diesen Charakter mit dem Schlagwort ‚ultra-sexy‘ zu bezeichnen. Doch was Bayonetta wirklich definiert, ist ihre unverwechselbare Attitude. Selbst die abgefahrensten Action Szenarien und hochhausgroße Endgegner bringen diese unheimlich taffe Femme Fatale nicht aus der Ruhe. Zu jeder Situation hat sie den (für sich) passenden, nicht selten koketten, Spruch auf Lager.
Das kann sie sich aber auch leisten, denn diese ‚Lady‘ hat es faustdick hinter den Ohren. Mit einfachen Punch-, Kick- und Sprungaktionen feuert man zahlreiche Kombosequenzen auf Gegner ab, die unterschiedlich viel Schaden ausrichten und Feinde in die Luft oder in die Umgebung schießen können. Und geschossen wird scharf, denn Bayonettas Standard-Ausrüstung und eines ihrer Markenzeichen sind ihre 4(!) Pistolen – ja, 4! Zwei für die Hände und selbstverständlich auch zwei auf den Stilettos montiert. Während man mit den Feuerwaffen zwar Gegner auf Distanz halten kann, verursachen sie kaum Schaden und dienen hauptsächlich dazu Kombos am Laufen zu halten. Eine vor allem für anspruchsvolle Spieler wichtige Technik, denn, wie bei Platinum Games üblich, gibt es nach jeder Kampsequenz eine Bewertung bei der man mit Medaillen von Stein bis Reines Platinum „belohnt“ wird. Letztere zu erhalten ist – ebenfalls typisch für die Entwickler – wiedermal äußerst herausfordernd und bleibt wohl eher eine Challenge für Hardcore Zocker.
You want a piece of me?
Das Kampfsystem gehört zu der seltenen Sorte, die einfach Spaß macht und trotzdem fordert – leicht zu bedienen und doch mit Tiefgang. Denn wer die heftigeren Kämpfe überstehen möchte, sollte sich mit den Kombos vertraut machen. Der besondere Clou dabei ist die „Witch-Time“. Weicht man einem Treffer in letzter Sekunde mit der ZR-Taste aus, aktiviert sich für wenige Sekunden ein Zeitlupenmodus in dem man eine extra Ladung Schläge anbringen kann. Mit etwas Übung zerstört man so auf stylische Art ganze Gegnergruppen ohne einen Treffer zu kassieren – was sich absolut großartig anfühlt. Ebenso wie wenn man Feinde mit Punishern bestraft und mit Torture Attakcken kleinhackt oder Endbossen mit Climax Attacken den Garaus macht, bei denen die Hexe (halbnackt) riesige Monster (bestehend aus ihren Haaren!) beschwört, welche dann den Rest erledigen.
Doch sollte man sich bei aller Kampfespracht in Bescheidenheit üben, denn der Schwierigkeitsgrad ist – ebenfalls Platinum Games-typisch – nicht ohne, wenn auch etwas niedriger als beim Vorgänger. So wird man als Anfänger schon des Öfteren den Game Over Screen zu sehen bekommen. Dank regelmäßiger Auto-Saves kann man aber meist direkt beim letzten Kampf fortsetzen. Zusätzlich kann man sich in Rodins Unterweltshop/-bar für die Schlacht rüsten, indem man neue Attacken und Waffen ersteht oder sich mit mächtigen Accessoires ausrüstet. Natürlich nicht ohne einen obligatorischen One-liner des Schwarzenegger/Snipes-Verschnitts. Weiters kann man sich mit verschiedenfarbigen Lollipops beladen, mit denen man sich heilen kann, aufpowert, oder die Magieleiste wieder füllt (diese benötigt man um gewisse Special-Moves ausführen zu können). Konsumierbare Items können auch selber hergestellt werden, indem man Zutaten sammelt und sie dann nach Hexenrezepten zusammenbraut.
Die verschiedenen Waffen unterscheiden sich nicht nur in Schaden und Reichweite, sondern bringen jeweils auch verschiedene Kombos mit sich. Besonders interessant werden sie aber dadurch, dass man sie kombinieren kann. Es lassen sich zwei verschiedene Setups defnieren in denen man jeweils eine Waffe für Arme und Beine ausrüsten kann. Zwischen diesen beiden Setups kann man jederzeit, instant und sogar mid-combat, auf Knopfdruck wechseln. Das verleiht dem Kampfsystem noch mehr Tiefgang und gibt ambitionierten Spielern noch mehr Möglichkeiten für eine optimierte Performance.
Kombiniert man alle Aspekte des Kampfsystems, so schlägt, tritt, springt, schießt, doged, fackelt, schlitzt, foltert und verspottet man Gegner – und das alles während man förmlich durch die Kampfarenen tanzt. Flüssig verläuft ein Move in den nächsten. Kämpfe wirken wie ein abgedrehtes Ballett – sogar mit wechselnden Outfits. Und das Beste daran: man fühlt sich stets in Kontrolle. Egal wie choatisch das Kampfgeschehen ist und wieviele Gegner man gleichzeitig bekämpft, dank clever durchdachter visueller und vorallem auch audieller Hinweise, kann man den Kampf zu jeder Zeit beherrschen. Und wenn einem das gelingt, fühlt man sich förmlich wie ein Jedi oder Super Sayajin. Eine Leistung der Entwickler, die sich kaum beschreiben lässt und die man einfach unbedingt selbst erfahren muss.
Was gibt es neues?

Bei Bayonetta 2 fällt von Anfang an auf, dass die Entwickler hier der (erfolgreichen) Linie des ersten Teils sehr treu geblieben sind. Spieler die den Vorgänger gezockt haben, werden sich von den ersten Sekunden an wie zu Hause fühlen. Fast alles was man in der ersten Stunde geboten bekommt, ist eine Parallele zum 1. Teil und fühlt sich fast an wie eine Hommage – eine sehr unterhaltsame wohlgemerkt. Platinum Games wissen offensichtlich genau um die Stärken ihrer Franchise Bescheid und setzten diese hier wieder gekonnt in Szene. Doch von plumpem Recycling kann hier nicht die Rede sein – dafür sind die Inhalte zu unterhaltsam und natürlich bietet die Fortsetzung auch einige Neuerungen.
Im Kampfsystem wurden viele Kombos verändert und der neue Umbra Climax hinzugefügt: ist die Magieleiste voll, kann man diesen aktivieren um eine Zeit lang verheerende Schläge auf die Gegner loszulassen. Weniger sinnvolle Moves aus dem Vorgänger wurden dafür weggelassen. Die Climax Attacken sind zudem diesmal abwechslungsreicher gestaltet, da verschiedene Monster beschworen werden.
Abseits der Kämpfe gibt es neue versteckte Collectibles, wovon sich manche erst manifestieren wenn man in einer Parcour-Sequenz die Einzelteile innerhalb der vorgegebenen Zeit einsammelt.
In der Story, die schätzungsweise ein paar Jahre nach dem Vorgänger angesiedelt ist, geht es für Bayonetta dieses Mal darum ihre Freundin Jeanne zu retten. Dazu muss sie das Tor zu den 3 Reichen (oder auch Dimensionen) finden. Die Szenarien die man dabei bereist, sind äußerst schön gestaltet und imposant umgesetzt. Da es in den Locations wieder einige Collectibles zu finden gibt, lohnt es sich schon genauer hinzuschauen. Vor allem aber deshalb weil das was Platinum Games in Sachen Grafik hier auf den Bildschirm zaubert, nicht weniger als beeindruckend ist. Vor allem das globale Beleuchtungssystem fällt außergewöhnlich auf. Die Umgebung wird je nach Lichteinfall und Kamerawinkel in verschiedene Farbtöne getaucht, einzelne Lichtsäulen brechen durch Fensterglas und auch Unterwasser dringen die Sonnenstrahlen durch und färben das Wasser oder spiegeln sich in blendenden Lichtkegeln auf der Oberfläche. Für mich persönlich eine Augenweide. Dazu kommen noch gestochen scharfe Texturen dank Full-HD und ein durchgehend flüssiges Spielerlebnis mit 60 Bildern pro Sekunde. Hier haben die Entwickler wirklich Toparbeit geleistet.
Genauso wie in in der Musik Abteilung. Der Soundtrack tritt in die Fußstapfen seines Vorgängers und wartet wieder mit J-Pop-inspirierten Stücken (samt Gesang) auf, die sich schnell ins Ohr pflanzen. Dass für die Fortsetzung auch ein neuer Theme Song her musste, versteht sich von selbst. Diesmal ist es eine neue Version von „Moon River“. Der Song, der im Original gesungen von Audrey Hepburn in „Breakfast at Tiffany’s“, mit einem Oscar prämiert wurde, wird wohl ebenso zahlreiche Fans finden wie „Fly me to the Moon“ seinerzeit.
The big guys

Gigantische Bosskämpfe in abgefahrenen Szenarien sind in den letzten Jahren quasi ein Markenzeichen der Spiele von Platinum Games geworden (siehe Bayonetta und The Wonderful 101). Dass man damit in Bayonetta 2 nicht kürzer treten würde, war also klar. Doch was man hier bereits in den ersten paar Kapiteln erlebt, setzt in Sachen Größe und Wow-Faktor nochmal einen drauf. Ob an der Spitze eines Wolkenkratzers, auf dem Dach eines fahrenden Zuges oder den Tragflächen eines Jets – langweilig wird es hier definitiv nicht.
Multiplayer

Neu hinzugekommen ist ein online-only Multiplayer Modus, bei dem man sich kooperativ durch vorgegebene Kampfszenarien prügelt und eine Gegnerhorde nach der anderen erledigt. Die einzelnen Szenarien dauern nur ein paar Minuten, machen aber Spaß und sind eine nette Ergänzung zum Story Modus.
Fanservice
Nicht nur mit der Wii U-Exklusivität bedankt Nintendo sich bei seinen Fans, sondern auch mit einer Ladung an alternativen Nintendo-Outfits für die Protagonistin. Ob als Foxy McCloud, Samus Umbran, Super Cereza oder Link (mir fällt kein Wortspiel mehr ein), in diesen und weiteren Kostümen kann man die Hexe zu sehen bekommen. Freigeschaltet werden sie im Lauf des Spiels und können dann im Shop erworben werden. Die Kostüme machen ein ohnehin abgedrehtes Game noch einen Tick witziger.
Wie sehr sich Nintendo hier um seine Kunden bemüht, sieht man aber vorallem an der Special Edition des Games. Dieser liegt nämlich der komplette Vorgänger ‚Bayonetta‘ als eigene Disc bei – sogar mit verbesserter Grafik.
Fazit

Nach eigenen Aussagen ging es den Entwicklern an oberster Stelle darum, wie es sich anfühlt Bayonetta zu spielen. Ihr Ziel war es das beste Spielerlebnis abzuliefern das sie können. Nach dem Durchspielen der Story und zahlreichen Stunden Medaillenjagd, kann ich sagen, dass das zu 100 Prozent gelungen ist. Die Arbeit die hier hineingeflossen ist, spürt man in jeder action-geladenen Sekunde. Das Kampf-Gameplay kann man im Prinzip nicht besser machen – es enthält mMn. die Quintessenz dessen was diese Art von Gameplay ausmacht. Jedes zukünftige Spiel des Genres wird sich unweigerlich daran messen müssen.
An Bayonetta 2 kann man einmal mehr feststellen, dass sich verlängertes Warten auf große (Nintendo) Titel lohnt. Platinum Games hat hier in Zusammenarbeit mit dem Konsolen Hersteller ganze Arbeit geleistet und liefert uns ein imposantes Action Spektakel, voll mit sexuellen Anspielungen und kecken Dialogen, das aber in erster Linie mit seinem überragenden Gameplay überzeugt. Sämtliche Stärken des Vorgängers sind intakt und dazu gibt es sinnvolle, spürbare Verbesserungen und Neuerungen. Die neue Bayonetta wirkt „erwachsener“ und mit ihr ist auch das Spielerlebnis gereift.
Bayonetta 2 ist für mich die Krönung seines Genres und eines der besten Action Spiele überhaupt. Dieser Titel sollte selbst die größten Skeptiker überzeugen, denn er zeigt, dass die Wii U mehr als Last-Gen ist und auch die erwachsenen „Hardcore“ Gamer erfreuen kann. Jeder Wii U Besitzer, der auch nur ein bißchen etwas mit Action anfangen kann, sollte sich dieses Spiel zulegen, damit auch weiterhin solche Games für die Konsole gemacht werden.

  


ENTWICKLER: Platinum Games, Nintendo SPD
PUBLISHER: Nintendo
GENRE: Action
PLATTFORM: Wii U
ERSCHEINT: 24. Oktober 2014