Mi, 6. November 2013

Ausgebremst

Game Rezension: Sonic Lost World

Nachdem Sega nach über 10 Jahren der Versuche, mit Sonic Colours und Sonic Generations endlich gute 3D Sonic Spiele abgeliefert hatte, warfen die Entwickler für Sonic Lost World kurzerhand alles über Bord und versuchen es wieder mit einem neuen Konzept.

   
  
In Lost World hat man sich beim Leveldesign sichtlich an Super Mario Galaxy orientiert. So läuft man mit dem blauen Igel (in vielen Levels) auf kleinen Planeten mit voller 360° Bewegungsfreiheit entlang. Dabei gibt es meistens jeweils mindestens 2 vordefinierte „Bahnen“ an denen man sich orientieren kann, wobei meist eine schwerer ist, dafür aber mehr Boni beinhaltet. Auch das Sonic typische Stufen-Design wurde in das Konzept übertragen. Je höher man sich auf den Plattformen der Planeten befindet, desto eher findet man Extra Leben und die 5 roten Ringe die in jedem Level versteckt sind.
Um dieses neue Konzept zu realisieren, haben die Entwickler Sonics Steuerung angepasst. Auffälligste Änderung: wenn man den blauen Igel mit dem Stick bewegt, rennt er nicht etwa wie gewohnt los, sondern joggt mal nur gemütlich dahin. Erst wenn man die Schultertaste gedrückt hält, beginnt er zu Laufen. Aber auch dann noch ist er spürbar langsamer als gewohnt. Was jetzt für ein Sonic Spiel zunächst sehr merkwürdig klingt, war aber eine durchaus vernünftige Entscheidung, da man so das Spielgeschehen vermeintlich besser kontrollieren kann.
„Vermeintlich“ deshalb weil die Steuerung trotzdem alles andere als ideal ist. Es wurde nicht nur Sonics Geschwindigkeit verändert, sondern seine gesamte Bewegungsphysik. Beim Sprung beschleunigt er nun nicht mehr wie es in sämtlichen Vorgängern der Fall war. Stattdessen hat man das Gefühl, dass er dabei sogar bremst. In jedem Fall aber ist die Trägheit sehr merkwürdig und macht gezielte Sprünge deutlich schwerer. Da hilft es auch nicht wesentlich, dass der, bereits aus Sonic Colours bekannte, Doppelsprung zurückkehrt. Dieser dient hier aber in der Regel dazu, die oft ungenauen Sprünge zu korrigieren und hilft selbst da nicht immer. Das Resultat sind unzählige verfehlte Sprünge und Abstürze.
Eine weitere Neuerung sind Sonics Parkour Fähigkeiten. Hält man den Laufknopf gedrückt kann man nun auf jeder senkrechten Wand ein paar Meter weit hinauflaufen und dann auch noch einen Wall-Jump ausführen. Damit ist es auch möglich zwischen 2 nahen Wänden kontinuierlich nach oben zu klettern. Außerdem kann man Wände nun auch waagrecht entlang laufen wie man es aus Prince of Persia (Sands of Time) kennt. Leider funktionieren diese Moves oft nicht wie gewollt und viel zu oft führt Sonic diese an Stellen aus an denen man es gar nicht wollte.
Das 2. große Problem von Sonic Lost World ist das Leveldesign. So stößt man immer wieder auf frustrierende Abschnitte in denen man zig Leben verliert, ohne viel dagegen machen zu können. Oftmals sind Gegner und Fallen so unabsehbar und unfair positioniert, dass man beim ersten Mal grundsätzlich draufgeht. Und so kämpft man sich, vor allem in den späteren Levels, im „Trial & Error“ Prinzip durch. Dabei handelt sich aber nicht um die herausfordernde, motivierende Variante, wie man sie aus Spielen wie Mario, Donkey Kong Country oder Mega Man kennt. Stattdessen ist es einfach nur frustrierend, da man nie das Gefühl hat das Spielgeschehen voll unter Kontrolle zu haben. Zu oft erkennt man gar nicht was auf einen zukommt weil z.B. der Bildschirm mit Objekten überladen ist oder die Kameraperspektive es verhindert. Und hat man solche Levels endlich geschafft, kommt auch nicht das befriedigende Gefühl auf wie es bei genannten Spielen der Fall ist – man ist einfach nur froh es endlich hinter sich zu haben.
Wie schon bei Sonic Colours und Sonic Generations, wechselt auch bei Lost World das Spielgeschehen immer wieder mal in 2D Abschnitte. Es gibt sogar komplette 2D Levels. Leider reichen diese nicht annähernd an die Qualität der „richtigen“ 2D Sonic Games heran und wirken sehr uninspiriert und flach. Auch gibt es immer nur einen Weg durch diese Levels und keine verschiedenen Ebenen zu erkunden – das ist schon ziemlich enttäuschend. Viel schlimmer ist aber, dass auch diese Levels teilweise so dermaßen am Design und der Steuerung scheitern, dass man nur mehr den Kopf schütteln kann. Vorallem Sonics Wandlauf ist hier fast ausschließlich nervig weil er an jeder kleinen Stufe an die man im Lauf stößt, hinaufklettert und die Animation dabei fast 1 Sekunde dauert, was in Autoscroll Levels sehr hinderlich ist.
Dazu wirkt sich Sonics Trägheit, vor allem bei Sprüngen, hier noch schwerwiegender aus als in den 3D Passagen und wer auf die Idee gekommen ist, dass Levels stellenweise mitten in einem Sprung auf schmale Plattformen plötzlich mit rotieren, muss ein Masochist sein.
Als wäre das alles nicht schon genug um den Spielspaß zu verderben, hat man leider auch noch versucht weitere Ideen aus Super Mario Galaxy zu übernehmen, scheinbar ohne zu wissen wie. Zum Beispiel beginnt Sonic in den Eislevels sobald man schneller geht, sich Schlittschuh-laufend fortzubewegen und macht statt normaler Sprünge nur mehr Pirouetten. Im Gegensatz zum Klempner Vorbild, wird Sonic dabei leider nur noch unkontrollierbarer und kann außerdem, aus mir unerfindlichen Gründen, plötzlich nicht mehr auf Items und Container springen. Wie an einer unsichtbaren Wand springt er seine Pirouetten entlang und landet stets wieder vor dem Gegenstand. Erst wenn man ihn zum vollen Stillstand kommen lässt und ohne Richtung gerade nach oben springt, zeigt der Igel wieder seinen gewohnten Sprung und lässt sich auf dem Objekt landen. Über das Level in dem Sonic als Schneeball herumkugelt, möchte ich erst gar nicht schreiben – die Leute die dafür verantwortlich sind, scheinen Spielspaß nicht zu mögen.
Wieder mit von der Partie, sind auch die Whisps und die damit verbundenen Colour Powers. Leider wirken sie großteils uninspiriert und haben meist relativ wenig Sinn. Lediglich die Drill Power bei der Sonic sich in einen Bohrer verwandelt und sich so durch das Erdreich gräbt, ist eine unterhaltsame Abwechslung. Hierbei steuert man den Igel auf dem Gamepad mittels Ziehen des Fingers über den Touchscreen. Sonst wird der eingebaute Bildschirm des Wii U Gamepads, abgesehen von den Bouns-Games, leider kaum sinnvoll genutzt.
Tatsächlich gibt es aber auch Positives vom Spiel zu berichten – es ist nicht allzu lang. 😀 Nein, kleiner Scherz.
Die Grafik ist zwar eher einfach, läuft dafür aber durchgehend mit 60 frames pro Sekunde was einen wunderbar flüssigen Eindruck macht und ein Lob verdient hat. Das Beste an dem Spiel ist aber zweifellos die Musik. Die Melodien sind allesamt orchestriert, fügen sich nahtlos ins Sonic Universum und haben vielmals Ohrwurm Qualitäten.
Ein Lob haben sich die Produzenten definitiv auch für die Zwischensequenzen verdient. Am Anfang und am Ende von fast jedem Level wird die Story des Spieles in Form von Filmsequenzen erzählt. Inhalt und Dialoge grenzen dabei öfter ans Lächerliche, doch so und nicht anders ist man es von Sonic-Spielen gewöhnt und ich persönlich empfand es als nette Auflockerung zwischen den Levels.
Fazit

Das Konzept von Sonic Lost World wäre eigentlich kein schlechtes und birgt mit Sicherheit Potenzial. Doch leider wurde dieses, bis auf wenige gut gelungene Levels, hier nicht genutzt. Die Steuerung ist alles andere als gut und das Leveldesign oftmals erschreckend. Viel zu oft trifft man dadurch auf Stellen an denen man sich ernsthaft fragen muss, ob das Spiel eigentlich je getestet wurde. Vorallem in der 2. Hälfte ist das Spielerlebnis überwiegend frustierend, so, dass ich kaum Lust verspürt habe, die, am Ende des Spieles freigeschaltete, Bonus Welt auch noch zu absolvieren. Geschweige denn, Levels nochmal zu besuchen um alle Roten Ringe zu finden.
Unterm Strich bleibt damit ein deutlicher (und unnötiger) Rückschritt für die Sonic Reihe und ein Spiel an das sich wirklich nur Fans des blauen Igels heran wagen sollten.
3DS Version

Die portable Version von Sonic Lost World spielt zwar in der selben Welt und erzählt die selbe Geschichte durch Cutscenes, doch sämtiche Levels wurden eigens für diese Version angefertigt. Was dabei im Vergleich zum großen Bruder am stärksten auffällt, ist, dass sowohl die Steuerung als auch das Leveldesign hier besser gelungen sind. Manchmal denkt man sogar, hier müssen 2 verschiedene Entwicklerteams am Werk gewesen sein. Vor allem die 2D Levels sind um Welten besser designt als bei der Wii U Version. Diese sind wesentlicher schneller und flüssiger im Ablauf und enthalten mehrere Wege. Sie erinnern damit wieder an die guten portablen Sonic 2D Games.
Leider besitzt aber auch diese Version des Spieles, die Probleme der Wii U Version. Das Leveldesign ist auch hier oftmals schwach und dazu gesellen sich wieder frustrierende Stellen, Trial & Error, die nicht immer ideale Steuerung und Sichtbarkeitsprobleme. Zusätzlich wurde in manchen Passagen, sowie bei einigen Colour Powers eine Bewegungssteuerung eingebaut, die mehr verärgert als erfreut.
Während der Sountrack ident geblieben ist, wurde die Grafik etwas an die Fähigkeiten der kleineren Konsole angepasst, läuft aber ebenfalls absolut flüssig und ist sehr ansehnlich. Vor allem der 3D Effekt, sieht hier ziemlich beeindruckend aus und trägt viel zum Erlebnis bei.
Fazit

Mir persönlich hat diese Version von Sonic Lost World mehr Spaß gemacht als die Wii U Version, da sich das Spielerlebnis besser angefühlt hat und vor allem die 2D Levels deutlich unterhaltsamer waren. Aber im Endeffekt scheitert das Spiel leider an den gleichen Problemen und ist deshalb ebenfalls nur für Sonic Fans einen Versuch wert.

  


ENTWICKLER: Sonic Team
PUBLISHER: Nintendo
GENRE: Plattformer
PLATTFORM: Wii U, 3DS