2013
26
Sonntag Mai

Tamikrest

WUK Währingerstrasse 59, 1090 WIEN
Map
Einlass: 19:00 Uhr Beginn: 20:00 Uhr
  • Abendkasse 20.00
  • Vorverkauf 17.00

Musik ist immer eine Grenzerfahrung. Umso mehr, wenn sich nicht nur die stilistischen Grenzen verschieben, sondern auch die Zentren der musikalischen Kreativität wandern. Es wäre übertrieben zu behaupten, Musikmarktplätze wie London und New York, Manchester und Los Angeles hätten sich totgelaufen, aber gewisse Ermüdungserscheinungen und Überstrapazierungen machen sich im beständigen Ringen um die nächsten Beatles und die neuen Nirvana schon bemerkbar. Da tut es gut, wenn sich in einem Land wie Mali plötzlich ganz neue musikalische Möglichkeiten auftun. Malische Popstars wie Amadou & Mariam, Salif Keita, Habib Koité oder Tinariwen, wie auch der Übervater des Desert Blues, Ali Farka Touré, haben sich längst über eingeschworene Ethno-Zirkel hinaus einen Namen gemacht. Mali ist ein riesiges Land, indem unterschiedlichste Sprachen, Völker, Kulturen und Traditionen zusammenfinden. Wer heute mit offenen Ohren Musik hört, kommt an Mali nicht mehr vorbei.

Doch in Mali gibt es nicht nur die großen Stars, die sich längst auf europäischem und amerikanischem Pflaster bewährt haben. Immer neue Bands dringen in unser Bewusstsein. Zu den jungen Wilden gehört das Septett Tamikrest, das jetzt mit „Toumastin“ sein zweites Album veröffentlicht. Schon mit dem Vorgängeralbum „Adagh“ haben sie 2010 ein Zeichen gesetzt. Die Kraft und Eindringlichkeit dieser Veröffentlichung löste in der ganzen Welt Erstaunen bis Euphorie aus. Traditionalisten wie Avantgardisten waren sich einig, dass sich die aufmüpfige Urkraft des Rock bei diesen jungen Nordafrikanern auf eine ganz neue Weise bündelt. Tamikrest kommen aus Kidal, einer Wüstenstadt im Nordwesten von Mali, fast 2000 Kilometer von der Hauptstadt Bamako entfernt. Sie gehören dem Volk der Tuareg an, das sich über ganz Nordafrika verteilt. Einst waren die Tuareg die stolzen Herrscher der Sahara, doch ihr Gebiet ist zwischen verschiedenen Ländern aufgeteilt und sie mussten viele Jahre um ihre Anerkennung als eigenständiges Volk kämpfen. In den Jahren 1990 – 1995 mündete dieser Kampf in einen blutigen Bürgerkrieg.

Nach dem Krieg haben viele dieser Rebellen ihre Kalashnikovs und Handgranaten gegen Gitarren und Mikrofone eingetauscht. Die Bluesband Tinariwen ist ein prominentes Beispiel für diese ungewöhnliche Befriedung durch den Spirit der Musik. Ihre Mission tragen diese Bands dennoch in ihren Songs weiter. Tamikrest sind wesentlich jünger als Tinariwen, am Bürgerkrieg haben sie nicht aktiv teilgenommen. Doch die Ähnlichkeit zwischen beiden Gruppen ist groß. Auch Tamikrest haben einen Weg gefunden, den Puls des Blues, dessen Wurzeln ja in Nordwest-Afrika liegen, zurück in die Tuareg-Sprache Tamascheq zu übersetzen. Mit Generatoren gehen sie in die Wüste, um dort auf ihren elektrischen Gitarren und rituellen Trommeln eine Synthese aus der Musik von Jimi Hendrix und Bob Marley mit den Traditionen ihres Volkes zu finden. Tamikrest-Leader Ousmane Ag Mossa macht aus seinen Einflüssen keinen Hehl. „In meiner Jugend habe ich viel traditionelle Stammesmusik oder die Aufnahmen von Tinariwen gehört. Ich hatte gar nicht die Möglichkeit, andere Sachen zu hören. Dazu habe ich angefangen, Gitarre zu spielen. Erst nach 2000 habe ich Kassetten von Bob Marley oder den Dire Straits gehört. Das hat mein musikalisches Weltbild verändert. Seitdem habe ich aufgehört, afrikanische Musik als afrikanische Musik und Musik aus Amerika als amerikanische Musik zu sehen. Musik ist einfach Musik. Sie ist viel größer, als ich selbst erfassen kann. Es geht vielmehr darum, meinen musikalischen Horizont stetig zu erweitern.“

Tamikrest sind auf einer Reise in die grenzenlose Welt der Musik. 2006 gegründet, versuchte die Band zunächst, in Mali Boden zu fassen. Für Musiker, die archaische Traditionen vereinen, ist das in Westafrika gar nicht so leicht, denn der dortige Markt wird von überproduziertem HipHop und Elektropop überschwemmt. Die Situation der Band änderte sich schlagartig, als sie 2008 auf einem Festival in der Wüste das amerikanische Trio Dirtmusic mit Chris Eckman (Walkabouts), Chris Brokaw (Come) und Hugo Race (Hugo Race & True Spirit) kennenlernte. Ousmane spricht von einer schicksalhaften Begegnung. „Wir haben zusammen in Zelten und unter freiem Himmel musiziert und sind auch live aufgetreten. Dadurch haben sich meine musikalischen Kenntnisse enorm erweitert. Ich habe zum Beispiel gelernt, auf ganz andere Weise Gitarre zu spielen. Durch Dirtmusic haben wir erstmals ein professionelles Studio von innen gesehen. Wir legten den langen Weg von Kidai nach Bamako zurück. Diese Chance konnten wir nicht vorüberstreichen lassen.“

Auf ihrem zweiten Album „Toumastin“ gewinnen die Tuareg-Rebellen ihrem eigenen Universum nun völlig neue Farben ab. Die verwunschene Archaik der Songs nimmt das Ohr auf Anhieb ebenso gefangen wie die ewigen Dünen der Sahara das Auge. Doch je höher die Sonne steht, desto mehr kommt die Musik in der Gegenwart an. Über ihren afrikanischen Blues schlagen Tamikrest die Brücke zu wesentlich aktuelleren musikalischen Zuständen wie hypnotischem Dub, psychedelischem Funk oder einer Art bislang unerhörter Desert Garage. Die Gitarren werden offensiver, die Grooves treibender. Obwohl sich ihre Tamascheq-Gesänge durch die Gitarren-Riffs schlängeln wie eine Karawane auf ihrer Reise durch die Zeiten, umarmt die Band mit ihrem reichen Fundus der Tradition auch die Verheißungen der Zukunft. Die Zeit des postkolonialen Griffs des Nordens auf die Kultur Afrikas ist vorbei. Mit „Toumastin“ machen uns die Wüstensöhne um Ousmane einmal mehr deutlich, dass man im Zeitalter von Facebook keiner verlogenen Global-Village-Attitüde oder Ethno-Frömmelei mehr bedarf. Die gemeinsamen Grundlagen afrikanischer, amerikanischer und europäischer Klangbedürfnisse liegen viel tiefer. Gerockt wird überall. Tamikrest sind keine Exoten, sondern eine begnadete Rockband, die uns die Gitarrentöne völlig neu beibringt und für die Wut des Westens ein neues Ventil findet.

“Musik für den kulturellen Grenzgang – nicht zu fremd, aber durchaus andersartig.” – Rolling Stone

“Eine spannende Mischung aus elektrischen Gitarren und archaischen Beats mit hypnotischen Gesängen.” – DeBug

“In der Tat, bei alldem filigranen Gitarrenspiel und diesem entspannten Groove, der im europäischen Gemüt Fernweh und Wüstenromantik evoziert. Tamikrest verschwenden keine Zeit mit Worthülse, Wobopaloo-bop oder Herz-Schmerz-Lyric.” – Jazzthetik

“Also doch eher Erdverbundenheit gepaart mit den entspannt groovenden Rhythmen und den locker und luftig klingenden, inzwischen auch oft psychedelisch verhallten Wah-Wah-Sounds. Das ist eines der Markenzeichen des Tamikrest-Sounds.” – Jazzthing