2019
22
Dienstag Januar

Jens Friebe

Chelsea Lerchenfelder Gürtel 29, 1080 Wien
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Einlass: 21:00 Uhr
  • Stehplatz 18.10 VVK € 18.10
Jens Friebe am 22. January 2019 @ Chelsea.

JENS FRIEBE hat es wieder getan! Er hat sich schon wieder einen unschlagbaren Album-Titel ausgedacht. Nach dem famosen „Das mit dem Auto ist egal, Hauptsache dir ist nichtspassiert“ und dem nicht weniger fantastischen „Nackte Angst zieh dich an wir gehen aus“folgt nun knapp und zeitlos präzise: „Fuck Penetration!“ Wie der Titel andeutet, ist JENSFRIEBEs sechstes Album sein britischstes geworden. Mehr als die Hälfte seiner Texte sindin englischer Sprache verfasst. Im Zeitalter von Regionalwahn, Deutschpop und Brexitsicher eine gute Idee, wieder verstärkt in der Muttersprache des Pop zu singen. Auf demkongenialen Cover – gestaltet von Stefan Papst von der Gruppe Ja, Panik – sehen wir eineKupferstichcollage mit dem Motiv der Moskauer Universität. Im Hof eine penibleGartenanlage, eine imperiale Schiffsflotte und up in the sky: ein imposantes Feuerwerk.Beinahe erotisch. Ja, zu was der Mensch nicht alles in der Lage ist, wenn er die Energieseiner niedersten Triebe in etwas Sinnvolles steckt. In die Kunst zum Beispiel.

JENS FRIEBE gilt ja vor allem als dieses wortwitzige Mysterium, das zwischen Pop- und EMusik,den großen und den kleinen Gesten und den Club- und Theaterbühnen so gekonntchangiert wie zwischen den Geschlechterrollen. Allerdings darf das nicht verwechseltwerden mit einer pseudopostmodernen Haltungsverweigerung. FRIEBE ist kein Nihilist,sondern ein Humanist, der durchaus an die Power der Diva glaubt. Sie oder er hält denLaden schließlich am Laufen! „Fuck Penetration“ will was!! Das wird, vom titelgebendenfröhlichen Aufschrei gegen Phallokratie und Phantasielosigkeit abgesehen, wohl amdeutlichsten beim Song „Charity/Therapy“, in dem eine so naive wie tiefe Frage gestelltwird: Was wäre, wenn „das seltsame Wesen“, das der Mensch ist, sein Wissen für seinGlück einsetzen würde, statt zur Vernichtung der Konkurrenz und der Welt?

Die Antwort ist der Refrain: „We wouldn’t need Charity / And we wouldn’t need therapy“.Was in den Song-Strophen noch in eine surreale Bildwelt gehüllt ist, tritt im klimatischenMittelteil gleichzeitig lakonisch und kämpferisch zutage: „Es ist schön, den Armen wasabzugeben / Es ist schön, den Traurigen zuzuhören /Am Schönsten wär‘ was jedes Leben /traurig und arm macht zu zerstören“. Aber auch ein Song wie „Worthless“, der diescheinbar intimste Tragödie scheiternder Liebe betrauert, stellt überraschendeVerbindungen her zwischen der kleinen privaten Krise und der großen allgemeinen,zwischen Tauschwert und Selbstwert, wenn es heißt: „When money is afraid of beingworthless, it becomes a house or a piece of art / When you are afraid of being worthless, youtear out my heart…“

Dieses Album zeigt den Menschen in seiner ganzen merkwürdigen Gestalt: Zum Größtenund Schönsten bewundernswert fähig, aus bekannten wie unerklärlichen Gründen aberimmer irgendwie gekränkt und allzeit bereit, seine Mitmenschen zu demütigen. EineHerrschaft in ewiger Unzufriedenheit, mal in „hasserfülltem Glück“, mal gefangen imTrugschluss: „Only because you‘are jealous, doesn‘t mean your in love“.

Aber so lange sich jeder, der sich wie ein stranger in dieser fremden Welt fühlt, abends ineinen „Special People Club“ gehen kann, um dort auf andere Fremde zu treffen, drehen wirden Beat gerne lauter. Der Songtitel spielt auf den Film „Welcome to the Dollhouse“ vonTodd Solondz an, in dem die nerdige Außenseiterin Dawn Wiener einen solchen „SpecialPeople Club“ gründet, bloß um im Laufe des Films festzustellen, dass „Special People“ eineUmschreibung für behinderte Menschen ist.

Von komischen, unfreiwilligen Verwechslungen zum langweiligsten Gender-Objekt der Welt:Dem weißen, heterosexuellen Mann. FRIEBE kuratierte 2015 im Berliner Theater HAU dieVeranstaltung „Männlich, weiß, heterosexuell“ und führte dort zum ersten Mal die Nummer„Queer“ auf. Ein kurzer, knackiger Konstatier-Boogie für all jene männlichen, weißen,heterosexuellen Geschlechtsgenossen, die als sture Alphatiere die kunterbunte Queernessfür sich entdeckt haben, ohne auch nur einen Millimeter von ihren alten Gewohnheitenabzurücken: „Ich schau Fußball und trink Bier, ich schlaf nur mit Frauen – call me queer!“Alles gleichzeitig zu sein – „und das Gegenteil davon“, das kriegen nicht mal die Härtestenhin.

Umso diebischer die Freude, wenn FRIEBE dann zusammen mit seinem alten WegbegleiterLinus Volkmann – von dem auch ein Großteil des Songtextes stammt – im Lied „Es lebendie Drogen“ all die chemischen Stoffe besingt, die den Hormonhaushalt des Manneswirklich durcheinanderbringen. Eine Hymne auf das Kaputte und all die Risiken undNebenwirkungen, vor denen kein Werbespot jemals gewarnt hat.

In dem Bizarr-Schlager „Tränen eines Hundes“, den Joe Meek geliebt hätte, gibt JENSFRIEBE sein Mikrophon an eine Kollegin ab: Es singt die berühmte Jodlerin (!) DoreenKutzke über den bevorstehenden Verlust eines Vanshing Twins, der ihr aus dem Kopfentfernt werden soll. Spätestens seit Elvis Presley wissen wir von den berühmten „TwinlessTwins“ und dem „Vanishing Twin Syndrome“, einer psychischen Störung, bei Menschen,die im Uterus einen Bruder oder eine Schwester verloren haben. Das Stück wurdeuraufgeführt in der bigNOTWENDIGKEIT-Theaterproduktion „Road Movie“, in einemAutokino.

Insgesamt ist „Fuck Penetration“ eine bunte, wilde Revue geworden! Getragen von einemschillernden Background-Chor (Pola Schulten von „Zucker“, Vera Kropf von Luise Pop undGwedolin Tägert von Mondo Fumatore), singt FRIEBE sich durch ein Programm, das fürseine Verhältnisse partyatmosphärisch nahe an den Siebzigern gebaut ist. Die Gala-hafteMelancholie Scott Walkers hört man ebenso raus, wie Two Tone, Disco oder Glam-Rock:Something/Anything goes.

Dass die Musik nicht in Retromanie erstirbt, sonder neu, eigen und aufregend klingt, liegtvor allem an JENS FRIEBEs langjährigen Mitstreitern: dem Produzenten Berend Intelmannund an Schlagzeuglegende und Avantgarde-Musiker Chris Imler, der im Oktober übrigenssein zweites Album „Maschinen und Tiere“ veröffentlicht.

Spätestens wenn wir mit Captain FRIEBE und seiner Crew als Argonauten rausfahren aufsendlose Meer oder in den Space (das Internet?), um ein goldenes Vlies zu suchen oderirgendeiner anderen rettenden Idee hinterherjagen, wird klar: Niemand sonst inDeutschland schafft es, aus dem Stoff einer griechischen Sage einen Popsong zuerschaffen, der auch noch als zeitgemäße Gesellschaftskritik funktioniert: „Take me out,Argonaut!“ Ja, bitte! Unbedingt: Nehmt uns mit!

Und wenn Chris Imler im Song „Herr der Ringe“ das Mikrophon übernimmt, nachdemFRIEBE vorher das ganze Werk Tolkiens auseinandergenommen hat – und den Titel alsarabeskes Mantra vorträgt, wird auch dem letzten Zweifler klar: „Fuck Penetration“ ist dasAlbum, auf das wir alle gewartet haben: Straight oder queer!

Zum Schluss bleiben eigentlich nur zwei Fragen offen: „Is it enough, love?“ und „Is loveenough?“.

– Maurice Summen (Staatsakt).