The Mass Man Musiktheatertage Wien 2026
In Masse und Macht (1962) schildert Nobelpreisträger Elias Canetti seine Erfahrungen mit den Massenbewegungen des frühen 20. Jahrhunderts und liefert eindrucksvolle soziologische und anthropologische Erkenntnisse. Auch heute mobilisieren sich die Massen, vereinen sich gegen Ungerechtigkeit oder für ein besseres Klima. Sie versammeln sich in den sozialen Medien, besetzen das Kapitol, setzen Städte in Brand oder fliehen.
Regisseur Wouter Van Looy und Videokünstler Wim Catrysse nahmen sich mit THE MASS MAN dieses Werk der Weltliteratur zum Vorbild und entwickelten ein Multimedia-Werk über Überlebensstrategien in einem Konflikt. Wim Catrysse richtet darin seine Kamera auf einen Ort des Konflikts, wo Gewalt und Widerstand Jahrtausende zurückreichen und ein scheinbar unlösbarer ideologischer und territorialer Konflikt tobt, der eine groteske Spur des Todes und der Zerstörung hinterlässt und das gesellschaftliche Gefüge weiter zerreißt. Der von Peter Verhelst verfasste Text nutzt Canettis meisterhaftes Werk als Grundlage, richtet den Fokus aber auf die heutige Welt.
Die Musik von THE MASS MAN stammt von Jurgen De bruyn und dem Ensemble Zefiro Torna und ist eine zeitgenössische Bearbeitung von Kreuzfahrerliedern des 11. bis 13. Jahrhunderts. Historisches Instrumentarium und elektronische Klanglandschaften verleihen der musikalischen Textur des Werkes Form und Ausdruck. Sie zeichnen ein differenziertes Bild einer komplexen Zeit und eines Wendepunkts der Geschichte. Monophone Aufruf- oder Rekrutierungslieder, wie das berühmte Palästinalied von Walther von der Vogelweide, erklingen neben okzitanischen Pilgerliedern, Klageliedern, Sirenengesängen, Pastorellen, Liebesliedern und polyphonen Ars-Nova-Motetten. Als Reaktion auf die frühen Kreuzzüge spiegeln diese Lieder den Wandel von Identitäten und Weltanschauungen wider.
Nachgefragt · THE MASS MAN im Gespräch mit Petra Klose
16.09., im Anschluss an die Vorstellung, Odeon Theater
Nach der Vorstellung tauchen wir wieder auf aus der Masse und tiefer ein in die Materie. Welche aktuellen Entwicklungen haben das Team von Muziektheater Transparant zu dieser Arbeit bewegt, und welche Fragen und Bilder lässt der Abend beim Publikum zurück? Durch das Gespräch führt die internationale Kulturmanagerin Petra Klose, die seit über zwanzig Jahren Kunst- und Kulturprojekte in Konfliktregionen umsetzt.