Di, 15. Mai 2018

Verfressen und verhungern

Vor uns die Sintflut #69

Wir sind 7,5 Milliarden und werden immer mehr. Wie sollen wir in Zukunft satt werden, wenn es jetzt schon eng wird? Wenn Klimaveränderung die natürliche Lebensmittelproduktion erschwert und Fleischkonsum aufgrund von Massentierhaltung zwar billiger, damit aber ethisch immer fragwürdiger wird.

DER SUPERGAU

Grundnahrungsmittel müssen natürlich auch in Zukunft in ausreichenden Mengen gewährleistet sein. Das Problem: Die Meere werden langsam aber sicher leergefischt und die Ackerflächen knapp. Also wo produzieren, wenn es jetzt schon eng wird? Machen wir mit unserem Lebensmittelkonsum so weiter wie bisher, können wir davon ausgehen, dass aufgrund des Platzmangels noch mehr Fleisch in Massentierhaltung produziert werden muss. Der anhaltende Klimawechsel bedingt außerdem, dass pflanzliche Lebensmittel widerstandsfähiger und robuster werden müssen, was wiederum die Gentechnik auf den Plan ruft. Keine rosigen Aussichten, oder?

ALSO: ALTERNATIVEN

Dank internationalen Riesenkonzernen ist der Lebensmittelmarkt eine Milliardenbranche. Und die sucht genauso wie viele andere gerade nach möglichen Alternativen gegen den drohenden Welthunger (und dem nächsten großen Geschäft). Etwas, das mit wenig Platz auskommt, wenig Wasser verbraucht, billig ist und kaum CO2 emittiert. Den heiligen Gral der Lebensmittelindustrie also.

ALGEN

Wieso nicht das, was wir schon vom Sushi kennen, in den täglichen Speiseplan integrieren? Algen brauchen im Vergleich zu Rinderzucht oder Sojaanbau nur einen Bruchteil der Wassermenge, wachsen bis zu 30 Mal schneller als herkömmliche Landpflanzen und die Farmen, auf denen sie in Rohrsystemen gezüchtet werden, können sogar in Gebieten mit unbeständigen oder schwierigen Wetterbedingungen gebaut werden. Man muss lediglich seinen inneren Schweinehund bei den oft glibbrigen, fischig riechenden Pflanzen überwinden. Während Mikroalgen wie Chlorella oder Spirulina schon Einzug in Superfoods gehalten haben, sind sie auf dem Mainstreammarkt noch am Anfang. Immerhin ist die Aufzucht und Ernte derzeit noch aufwendig und mit mindestens 15 Euro pro Kilo deshalb sehr teuer.

INSEKTEN

Derzeit oft als Gag bei Foodtrucks auf Festivals, gelten Insekten als das Vorzeigelebensmittel der Zukunft. Sie besitzen weitaus weniger Fett als Rindfleisch, haben viel mehr Eiweiß und sind reich an Spurenelementen. Die Produktion von Insekten als Lebensmittel verbraucht weniger Wasser, Fläche und Futter als die herkömmliche Fleischindustrie.
Insekten sind so effizient, dass pro Kilo Insektenmasse nur zwei Kilo Futter benötigt werden, während es beim Rindfleisch acht Kilo sind. Das bedeutet, dass auch die Umwelt geschont wird, weil dabei weniger Treibhausgase entstehen. Während man sich an gegrillte Heuschrecken oder Proteinriegel aus Insektenmehl gewöhnen könnte, klingen Käferlarven und Termiteneier wortwörtlich noch sehr schwer verdaulich. Trotzdem ernähren sich weltweit etwa zwei Milliarden Menschen von Eiweiß aus Insekten – und seit der Novel-Food-Verordnung der EU sind auch wir am besten Weg dahin.

FLEISCH AUS DEM LABOR

Gut, vom Retortenburger am Mittagstisch sind wir noch weit entfernt, dennoch produzieren Forscher derzeit schon Fleisch im Labor. Bei der In-Vitro-Produktion werden tierische Stammzellen geklont und in einer Nährlösung zu Faschiertem „herangezogen“. Eine Firma aus Israel wirbt sogar mit Retortenfleisch in Kapseln, die daheim im Minibioreaktor zu Fleisch „heranwachsen“.

DAS GROSSE FRAGEZEICHEN

Was wir am Ende des Tages essen werden, steht noch in den Sternen. Es wird aber auf jeden Fall ertragreichere Pflanzensorten geben müssen, die an Dürre, Regen und schnell wechselndes Wetter angepasst sind. Jeder Einzelne von uns kann jetzt schon damit beginnen, Lebensmittel zu verkochen, statt sie wegzuschmeißen. Teile von Pflanzen oder Fleisch zu verwenden, die man schnell einmal in den Mist befördert. Statt gedankenlos das Mindesthaltbarkeitsdatum zu lesen, lieber auf den eigenen Geruchssinn achten und wiederverwerten. Kurz: einfach sparsam mit Nahrungsmitteln umgehen. Je früher wir aus der Wegwerfgesellschaft ausbrechen, desto besser ist es für unseren Planeten. Und in Zukunft müssen wir wahrscheinlich offen für viele neue Produkte sein, die bei uns eigentlich nicht zur Essenskultur gehören.