Di, 4. September 2018

Estnischer Impressionismus

Hitchhiker's Guide To Europe #70

Gegen Abend erwachte ich wieder. Im dumpfigen Zwielicht des Raumes war ich immer noch der Einzige, der die stille Kühle genießen durfte. Ich schob die schweren Vorhänge beiseite und sah einen bleichen Abendhimmel über den Dächern Ljubljanas. Die Sonne hatte ihn den Tag über ausgebrannt. Blass hatte sie ihn zurückgelassen, sich selbst und ihn ausgezehrt, bis das tiefe Blau verbrannt war und nur das leere Weiß zurückblieb. Ich flüchtete unter die kalte Dusche.

In mir rumorte es schon wieder gewaltig. Nachdem sich ein lauwarmer Schatten über die Stadt gelegt hatte, schlich ich mich in die Gassen hinaus. Die erste Bar war meine. Ich bestellte mir ein Lasko und zündete mir draußen auf der Terrasse eine rote Chesterfield an. Ich wiederholte das Prozedere vier Mal und fühlte mich nun bereit, den Menschen zu folgen, die da alle Richtung Zentrum pilgerten. Leichten Schrittes und beseelt vom kalten Alkohol schwamm ich mit dem Strom zur Mündung. In was auch immer wir uns dort ergießen würden, es würde groß sein. Am Delta angekommen, spülte es mich mit Hunderten anderen auf einen Hauptplatz. Nicht gerade der Ozean doch immerhin mit großer Bühne am anderen Ende.

Ein Orchester interpretierte klassische und populäre Musik. Die Protagonisten waren junge EU-Bürger. Mir gefiel das alles und so beschloss ich heldenmutig, mich in die erste Reihe durchzuwürgen, um fotografisch die Stimmung einzufangen. Ein Moshpit war unter den Bauchtaschen und Strohhüte tragenden Touristen keiner zu erwarten. Die estnische Cellistin – ihre Nationalität war, wie bei allen anderen auch, an der Nationalflagge am Notenständer zu erkennen – zog meine Blicke auf sich. Dass sie das Hauptmotiv eines jeden zweiten Fotos darstellte, war mir etwas peinlich, aber das musste ja sonst niemand wissen.

Ich unterbrach unser Gespräch so höflich, wie es meine Flatulenzen mir erlaubten.

Nach etwa zwei Stunden lichtete sich der Touristenwald und ich stand nur noch mit wenigen anderen Groupies vor der Bühne. Dort war ich offensichtlich nicht der Einzige, dem die Schönheit aus Estland, wie sie da die Saiten ihres Cellos strich, zu schaffen machte. Gleich drei brunftige Büffel stürzten sich auf sie, als sie sich mit zwei Kollegen unter das verbliebene Publikum mischte. Ich beteiligte mich jedoch nicht an der Balz. Zu unangenehm war ihr das offensichtlich und auch das halbe Dutzend Bier machte mich nicht mutiger. Ich zog mich auf eine Parkbank zurück und zündete mir eine weitere Zigarette an. Ich begutachtete meine Fotos, während ich noch ein Lasko aus der Dose trank. „Hello“. Ich blickte etwas desinteressiert nach oben, war ich doch gerade dabei, ein paar „unnötige“ Fotos von meiner Digitalkamera zu löschen.

„Hello“, erwiderte ich zuerst kurz angebunden, um dann doch noch ein „nice gig you played“ zu husten. Ich verschluckte mich dabei an meiner Chesterfield. Sie trug eine hautenge, schwarze Jeans und ein hellblaues T-Shirt. Ihr nobles, weißes Gesicht und das blonde Haar glosten im Dunkeln. Sie war wunderschön. Eine Epiphanie im Mondlicht. Ob ihre Farben bewusst die Flagge ihres Landes vertreten sollten, vermochte ich nicht zu sagen. Wir redeten vielleicht zwei Minuten. Oder waren es zwanzig? Das spielte keine Rolle mehr. Ich unterbrach unser Gespräch so höflich, wie es meine Flatulenzen mir erlaubten und entschuldigte mich: Mir wäre schlecht und ich müsse mich auf mein Zimmer begeben. „I am sorry.“ Sie verschwamm vor meinen Augen zu einem impressionistischen Bildnis. Kurz danach fand ich mich wankend in den Gassen Ljubljanas wieder.