Do, 12. April 2018

Die Wurst im Wasser

The Hitchhiker's Guide To Europe #8

Die Metamorphose, seine Verwesung war aber noch nicht ganz abgeschlossen. Es atmete schwer. Als ob es im Innern seines kaputten Körpers etwas ausbrüten würde, um es hier und jetzt gurgelnd und röhrend auf den dreckigen Fliesen zu gebären. Entsetzt starrte ich die Kreatur an. Ich war mir nicht sicher, ob sie mich sehen konnte. Ihre dunklen Augenringe waren die Eingänge zu zwei leeren Grotten. Mir wurde angst und bang.
Noch einmal wusch ich mein Gesicht mit kaltem Wasser und ließ mein zitterndes Spiegelbild allein im WC des kleinen Cafés in Ljubljana zurück. Es würde dort noch ewig herumspuken. Nach meinem euphorischen Klogang war mir erstmals klar, dass hier – also in mir – etwas nicht stimmte. Völlig erschöpft konnte mein Ziel nur eine Jugendherberge oder etwa ähnliches sein. Schließlich wollte ich ein paar wenige Tage in dieser freundlichen Stadt verbringen und dabei ihr strahlendes Gemüt näher ergründen. Ich verließ also nach verrichteter Arbeit – nicht ganz ohne Stolz – mein Café und machte mich auf, eine wohlfeile Unterkunft zu suchen. Ich übersah den ungläubigen Blick der Kellnerin und wankte das Café verlassend ins Sonnenlicht hinaus. Endlich Licht am Ende des Tunnels. Ich musste eine beträchtliche Zeit auf dieser Schüssel zugebracht haben – die Sonne stand schon hoch über Ljubljana. So irrte ich planlos durch die Straßen und Gassen der slowenischen Hauptstadt, als ich mich fragte, ob sie im Café meines Vertrauens die verstopfte Toilette wohl schon entdeckt hatten. Das überlaufende Wasser sollte eigentlich schon gemeinsam mit der nun umgekehrten Käsekrainer in der Gaststube angekommen sein. Und tatsächlich, mir war, als hörte ich von weitem ein langgezogenes, verzweifeltes „Noooooooo“. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Irgendwas trieb mich nun an, so schnell wie möglich eine Bleibe zu finden. In ihr würde ich mich auf einer kühlen Matratze unter einem nach Persil duftenden Leintuch verkriechen. Dort, an diesem sicheren Ort, konnte ich der elendigen Hitze entgehen und die letzten Stunden auf der Straße Revue passieren lassen.
Wieder am Fluss angekommen, wo die Bäume an den Ufern immer noch sanft ihre Blätter auf das Wasser legten, erspähte ich schließlich eine asiatische Reisegruppe. Diese war offensichtlich perfekt organisiert: Damit niemand verloren ging, trugen alle leuchtend gelbe TShirts und Fischerhüte in derselben Farbe. Die wussten bestimmt wohin. Ich brauchte ihnen nur zu folgen. Sie würden mich zur nächsten Herberge führen. Da war ich mir sicher.
RETO ALLEMANN WAR AUF DER REISE SEINES LEBENS. WIE EINE FLASCHENPOST LIES ER SICH ALS ANHALTER VOM ZENTRUM EUROPAS AN DESSEN RÄNDER UND ZURÜCKTREIBEN, LERNT ZWISCHEN STONEHENGE UND HAGIA SOPHIA SICH SELBST UND ANDERE KENNEN UND VERÖFFENTLICHT JETZT IM VOLUME SEIN REISETAGEBUCH.