Mi, 15. März 2017

A2 mit Jure

The Hitchhiker's Guide To Europe #2

Auf und davon, ich musste raus. Abenteuerlustig begab ich mich auf die Reise meines Lebens, um Europa und seine Menschen zu treffen. Wie eine Flaschenpost mit unbekanntem Ziel trieb ich per Anhalter vom Zentrum Europas an dessen Ränder und zurück, lernte zwischen Stonehenge und Hagia Sophia mich selbst und andere kennen.

Jure, der Fernfahrer, redete ohne Unterlass. Wild gestikulierend kümmerte er sich gar nicht darum, ob er verstanden wurde oder nicht. Er war wohl froh über die willkommene Abwechslung, einen Beifahrer zu haben.
Ich nickte einfach nur und lächelte hin und wieder. Wäre da nicht Jures penetrante Alkoholfahne gewesen, die meine eigene gleichsam verduften ließ, und das gelegentliche Einschlafen am Steuer, gefolgt von abrupten Lenkbewegungen, die den leeren Anhänger ratternd auf die Überholspur ausscheren ließen, hätte ich hier endlich meinen längst überfälligen Schlaf gefunden. Stattdessen kämpften wir beide wie Löwen gegen das Einschlafen. Jemand musste ja munter bleiben. Bald verstand ich, dass Jures Redeschwall einzig dem Wachbleiben diente. Ich entgegnete ihm, dass ich zwar nichts verstünde, eine Konversation in Anbetracht unserer gefährlichen Lage aber für durchaus angebracht erachtete.
Jure nickte mir anerkennend zu und lächelte zufrieden, bevor er wiederum auf mein Gesagtes einging. Zuletzt machte ich ihn noch auf die Rastplätze aufmerksam, die er regelmäßig ignorierte. Doch seine Argumente, sie nicht anzusteuern, waren bestimmt überzeugend. Das grelle Sonnenlicht, reflektiert von den Karosserien jener Automobile, die uns überholten, blendete meine müden, feuchten Augen. Es war das Letzte, was ich sah, bevor ich endgültig kapitulierte …
Als ich wieder zu mir kam, stand unser Lkw auf einem Rastplatz irgendwo in der Steiermark. Ich hatte die ganze Länge des Beifahrersitzes in Beschlag genommen und lag dort wie ein nasser Riesenfötus. Dünn und ausgemergelt, kurz vor dem Verdursten, richtete ich mich auf. Mein Mund war zur Sahelzone verkommen, mein Körper eine ausgedörrte, leere Hülle. Wo zum Teufel war das Mineralwasser? Nach einigen verzweifelten Augenblicken fand ich es schließlich auf dem brennheißen Armaturenbrett: Es gönnte sich dort ein Sonnenbad.
Das Wasser war zwar warm wie Pisse, aber es stillte meinen Durst. Ich leerte die PET-Flasche binnen weniger Sekunden, verschluckte mich mehrmals dabei – ganz so, wie es für Verdurstende kurz vor dem Kollaps nun mal üblich ist. Eineinhalb Liter neues Leben fluteten dafür sogleich meine welken Gehirnwindungen, befreiten meine Synapsen vom trockenen Staub, der sich dort, während ich schlief, niedergelassen hatte.
Derart gestärkt und ausgeruht machten wir uns wieder auf den Weg. Erneut auf der Autobahn – der Asphalt hatte uns wieder – und seit Tagen endlich wieder klar im Kopf, stellten sich dem Reisenden in mir plötzlich zwei Fragen: „Wo führt mich diese Straße eigentlich hin? Wo endet sie?“ Die Antwort darauf war, angesichts der wie Versatzstücke an mir vorbeigeschobenen Landschaften, denkbar einfach: All das spielte überhaupt keine Rolle!