Di, 15. Mai 2018

1984 und 9

The Hitchhiker's Guide To Europe #9

Ich sollte Recht behalten. Die fröhliche asiatische Reisegruppe führte mich in eine Jugendherberge nicht weit vom Zentrum der Stadt. Während sie beim Rezeptionisten zwei Autos mit automatischer Gangschaltung orderten, ließ ich mich erschöpft auf eine Couch im Eingangsbereich nieder.

Der Rezeptionist machte nicht den motiviertesten Eindruck und hatte allerhand mit den Asiaten zu tun. Er hatte zuvor auf der Couch gelegen und etwa 20 Minuten gebraucht, um unser ungeduldiges Läuten und Klopfen an der gläsernen Eingangstür zu empfangen. Sein Schlaf war genauso tief, wie die roten Druckstellen in seinem zerknautschten Gesicht, das er wohlweislich unter einem Polster versteckt hatte. Er war sehr klein und musste hinter der Rezeption zuerst seinen Schemel suchen, auf den er sich dann schlaftrunken stellte, bevor er sein lästiges Tageswerk anging. Das wird hier noch dauern, dachte ich mir und schob die einzige Videokassette, die im Regal neben der Couch lag, in den Rekorder.
„1984“. Die Couch schien, wie ich, ermattet und leer zu sein. Schon nach wenigen Minuten okkupierte ich die volle Länge und musste feststellen, dass ich gerade mal 20 Zentimeter über dem Fußboden lag. Das schlaffe Gebilde aus Brettern und grauem Stoff war tatsächlich ziemlich runtergekommen. Der Film aber war ein Meisterwerk und John Hurt grandios in seiner phlegmatischen Agonie. Ich war schwer beeindruckt und vergaß das aufgeregte Englisch der lustigen Reisegruppe und das resignierende Stöhnen des leicht zwielichtigen Zwerges hinter der Rezeption gleich neben mir. Die Dystopie hinter dem Röhrenbildschirm hatte mich schon zu sehr vereinnahmt, als dass ich für die Spezialeinheit aus Fernost und den tapfer kämpfenden Hotelier noch ein Ohr oder gar ein Auge übrig gehabt hätte.
Der Film hatte mich mit beiden Armen fest an den Schultern gepackt. Ansonsten wäre ich auf dem muffigen Gebilde vor Erschöpfung sofort eingepennt. Etwa 15 Minuten bevor „1984“ zu Ende war, verließ die Reisegruppe zufrieden die Jugendherberge. Der entnervte Held hinter der Rezeption verschwand sogleich hinter derselben und tauchte erst dann wieder auf, als ich die Rezeptionsklingel betätigte, nachdem der Film vorbei war. Ich konnte hören, wie er da unten den Schemel erneut zurechtrückte, bevor er wieder in Erscheinung trat. „Did you like 1984?“ „Yes, i did.“ „You look as shit as John Hurt in the movie!“ „Yes, i know.“ „Here is your key. It’s room number nine.” Ich ging die Stiege hinauf in den ersten Stock und fand dort mein Zimmer. Die Holzdielen unter meinen Turnschuhen ächzten. Dort standen vier Stockbetten, ich ließ mich auf die untere Matratze des ersten gleich links nieder. Ich war der Einzige im Raum. Durch die dicken Vorhänge drang kaum Tageslicht. Hier ruhte ein Dämmer, dessen Halbdunkel sofort Macht über mich ergriff. Hier war nicht ich der Chef. Wie viel die Nacht kostete und wie lange ich bleiben wollte, war unten in der Rezeption kein Thema gewesen.
Ich entledigte mich meiner Kleidung und wickelte mich in das kalte, nach Urlaub riechende Leintuch. Mit dem Kopf auf meiner Sporttasche wollte ich noch eruieren, was mit meiner Verdauung los war. Doch ich wurde umgehend von einem allmächtigen Sog in einen unruhig zappelnden Halbschlaf gezerrt.

RETO ALLEMANN WAR AUF DER REISE SEINES LEBENS. WIE EINE FLASCHENPOST LIES ER SICH ALS ANHALTER VOM ZENTRUM EUROPAS AN DESSEN RÄNDER UND ZURÜCKTREIBEN, LERNT ZWISCHEN STONEHENGE UND HAGIA SOPHIA SICH SELBST UND ANDERE KENNEN UND VERÖFFENTLICHT JETZT IM VOLUME SEIN REISETAGEBUCH.