Da stand ich also. Ganz im Süden Wiens, an der äußeren Triester Straße. Am Stadtrand dieser tristen Grauzone, wo Bäderparadies und Fliesenland auf den Traum vom gegiebelten Eigenheim treffen, zwischen Autohaus und Elkhaus, im Mordor der Metropolregion. Die Schnauze genauso voll wie die alte Sporttasche in meiner linken Hand, die jetzt schon zu schwer war.

Doch einen geeigneten Rucksack besaß ich nicht. Außerdem war die Tasche ein Statement. Weg hier? Ja! Aber nicht wie die ganzen scheiß Rucksacktouristen oder Individualreisenden, wie sie neuerdings hießen. Sie waren längst wie Heuschrecken. Trophäensammler, von Stadt zu Stadt hetzend. Um nichts besser als all die All-Inclusive-Idioten, über die sie stets lachten, nur jünger und hipper. Vor allem hipper. Zuviel menschlicher Kontakt war aber ohnedies nicht vorgesehen. Mein Grant und meine Tasche, das sollte reichen, um möglichst weit zu kommen. Vor mir lag das Abenteuer, das Leben selbst. Der heiße Asphalt würde mich dorthin führen. Hinter mir nur noch Staubwolken, aufgewirbelt vom Gummi all jener Suzukis, VWs, Volvos und Dacias, die mich immer weiter fortbrachten.

In Wien war es unerträglich heiß geworden. Knapp unter 40 Grad. Ein bisschen Fahrtwind würde Abhilfe verschaffen, dachte ich mir. Es schien sich jedoch niemand um mich, meine Tasche – sie lag nun im Staub neben mir – und meinen ausgestreckten rechten Arm, an dessen Ende der Daumen erwartungsvoll nach Süden lugte, zu kümmern. Mittlerweile stand ich seit über zwei Stunden da, in der Glut der Mittagshitze. Neugierig, blöd, lachend und verwundert starrten sie mich aus dem Halbdunkel ihrer Autos wie aus einer anderen Welt an. Niemand blieb stehen. Als ob es da draußen zu heiß wäre, um kurz anzuhalten, das Fenster runterzulassen und zu fragen, wo es denn hingehen sollte. Die Hitze könnte ja in das wohltemperierte Innere der Autos dringen.

Doch endlich, mein in Alkohol eingelegtes Gehirn war schon am Dampfen, als sich ein Sattelzug mit slowenischem Kennzeichen meiner erbarmte. Die Zugmaschine hüpfte wild, bis das Kreuzschiff auf Rädern etwa 50 Meter vor mir unter Ächzen und Stöhnen zum Stehen kam. Der Anhänger war offensichtlich genauso leer wie mein sich windender Magen. Ich rannte zum Führerhaus. Ein gedrungener Typ mit wenigen grauen, aber zerzausten Haaren und einem Bart, der ganz gut zu diesen passte, brüllte etwas auf Slowenisch und winkte mich hinein. Der Lenker lachte ziemlich zahnlos aber freundlich, als er sich daran schickte, sein Flaggschiff wieder auf Kurs zu bringen. Oben ohne, ein nasses Handtuch im Genick, sein verschwitzter, haariger Schmerbauch vom Lenkrad in seine Schranken gewiesen – definitiv, hier war alles an seinem Platz – steuerte er nun mit kräftigen Armen auf der A2 gen Süden. Dieser Asphaltpirat würde mich von hier wegbringen.