Servus, ich bin der Neue!

Angefressen (36te Ausgabe)

Na toll, denken jetzt bestimmt nicht wenige von euch. Einer von den faunaphilen Baumumarmer-Hippies, und dann noch aus dem Teutonenreich. Und der will uns jetzt einen von der Pferdelasagne erzählen, weil er selbst keine isst und sich deswegen für was Besseres hält? Was ‘ne Platzverschwendung, dabei hat VOLUME jetzt schon zu wenig Seiten.

Dabei wird mir das gar nicht gerecht – ich breche beim Anblick stupsnasiger Welpen nicht komplett in kieksende Begeisterungslaute aus und laufe doch recht selten in fusseligen Filzklamotten rum. Zugegeben, wie alle Deutschen höre ich gerne Marschmusik und verbringe sonnige Tage mit dem Polieren meiner Pickelhaubensammlung.
Dennoch – der Tenor dieser Kolumne wird nicht „Wir Veganer sind die Geilsten, kniet nieder!“. Ich dachte zuerst an praktische Tipps, z.B. „Zungenverletzungen an verknöcherten Bäumen verhindern – Rinde immer seitwärts lutschen“ oder „Moos – eine vielseitige Zutat beim Backen“ – falls jemandem Sophias Rezepte nicht naturverbunden genug sind.
Außerdem läge mir eine Nabelschau gängiger Klischees am Herzen. Da haue ich der Fleischfraktion schon mal um die Ohren, warum vegetarisches Essen nicht aus Regenwaldsoja besteht und dass nicht alle Veganer hochnäsige Asketen sind, über denen man ohne Not nicht sein persönliches Gruselkabinett der Argumentation ausschütten sollte.
Entsprechend bekämpfen sich täglich Millionen Internet-User aufs Blut, die alle zum kolossalen Großteil aus Leuten bestehen, welche die Auswüchse der Massentierhaltung ablehnen – sich aber trotzdem gegenseitig in unüberwindbaren Grabenkämpfen blockieren. Die Veggies dürfen sich dazu von mir anhören, dass die oft bemühte „Fleischesser sind alles primitive Neandertaler“ – Rhetorik in puncto Differenzierung auf dem Niveau von Blondinenwitzen rangiert und in diesem Sinne wenig weiterhilft, selbige Gräben loszuwerden.
Also versprochen: Ich werde niemanden dazu drängen, sein Leben nach meinen Moralvorstellungen auszurichten. Ich werde aber dafür werben, euer Leben nach euren eigenen Moralvorstellungen auszurichten. Da haben wir bezogen auf industrielle Tierhaltung nämlich ziemlich ähnliche – behaupte ich zumindest.
Wir alle haben nur die Angewohnheit, vorm Supermarktregal ungern einen Zusammenhang zu sehen.
Angefressen – Jeden 1. im Monat neu auf volume.at

Mehr von und über Jan Hegenberg findet ihr auch auf seinem eigenen Blog: www.graslutscher.de