Mit zunehmendem Alter wächst der Anspruch an seine eigene Kunst und jetzt, wo sich nichts mehr ändern lässt: Wie zufrieden sind Richard Dorfmeister und Rupert Huber mit ihrem "Odeon"?

 

Richard Dorfmeister: Sehr, denn die zehn neuen Songs stehen nicht alleine da. Unsere Vorstellungen von gutem Sound lassen sich auf unterschiedlichste Art und Weise transportieren. Es wird zusätzlich zum klassisch arrangierten Studioalbum eine gut vierzigminütige Klangcollage von unserem Auftritt im Odeon Theater geben. Dort haben wir im vergangenen September live zum ersten Mal ganz neues Material gespielt. Keine Beats, nur Pianos und ein paar Overdubs. Absolut stoned das Ganze – oder einfach nur wunderschön, um am Morgen entspannt in einen neuen Tag zu starten.

 

Wie viel Sinn macht es, den Sound von Tosca in die Genreschubladen "Ambient" oder "Lounge" zu stecken?

 

Rupert Huber: Totaler Schwachsinn, denn unsere Musik ist keine belanglose Hintergrund-berieselung. Wir verzichten zwar punktuell auf konkrete Beats und lassen einzelne Klangstrukturen ohne erkennbaren Rhythmus oder Perkussion miteinander verschwimmen, jedoch ist dabei stets die volle Aufmerksamkeit der Hörerschaft gefragt. Tosca funktioniert nicht nebenbei, "Ambient" und "Lounge" schon.

 

Wie habt Ihr diesmal gearbeitet? Hat sich eure Herangehensweise an die Albumproduktionen in den vergangenen Jahren verändert?

 

Rupert Huber: Überhaupt nicht. Auch bei der aktuellen Platte haben wir auf bewährte Strukturen und Methoden vertraut. Immerhin funktioniert Tosca so schon seit mehr als zehn Jahren: In guten Monaten steht uns eine komplette Woche zur Verfügung, in der wir gemeinsam Musik schaffen können – ohne Stress und bei heruntergelassenen Jalousien, aber mit voller Konzentration auf den Moment, in dem neue Klänge entstehen.

Richard Dorfmeister: Dabei gibt es keinen Zeitdruck oder nervende Labels, die ein Ergebnis hören wollen. Natürlich ist es ein großes Privileg, so arbeiten zu dürfen. Vielleicht könnten wir unsere Musik schneller produzieren bzw. fertig stellen. Dann entwickelt unser Sound jedoch nicht diesen gehaltvollen Charakter. Ein guter Jahrgang braucht eben seine Zeit, genau wie jedes Album von Tosca.

 

Ist Partnerarbeit immer mit Abstrichen in Bezug auf die eigene künstlerische Entfaltung verbunden?

 

Richard Dorfmeister: Unsere Synergie ist Gold wert – wenn jeder von uns alleine herumgurken würde, hätten wir nicht im Ansatz einen so produktiven Output. Im Duett funktioniert es meiner Meinung nach besser, lohnenswerte Ideen zu verfolgen und auf den Punkt zu bringen. Solokünstler scheitern oftmals am eigenen Perfektionsanspruch, weil ihnen direktes Feedback oder die nötige Selbstsicherheit fehlt. Auf der anderen Seite haben Musikkollektive mit mehreren Mitgliedern wiederum das Problem, sich an den unterschiedlichen Vorstellungen vom gemeinsamen Ziel zu verlieren.

Rupert Huber: Für mich ist künstlerische Entfaltung ähnlich wie Bergsteigen: Wenn ich einen Viertausender besteigen will – also große Anstrengungen und Gefahren meistern muss – dann klettere ich nicht auf eigene Faust. Ich will das Erlebnis und den Ausblick vom Gipfel mit einer vertrauten Person teilen können.

 

Wer von euch übernimmt in der heißen Phase welchen Part?

 

Rupert Huber: Das lässt sich nicht auf einzelne Arbeitsbereiche reduzieren. Wir beide werkeln und schrauben zusammen an dem Ding von Anfang bis zum Ende. Von außen gibt es dabei keine Einflussnahme, selbst das Cover inklusive Artwork und die physische Art der Veröffentlichung bestimmen wir alleine. Ohne Kompromisse!

 

Ihr verzichtet bei euren Sängern und Sängerinnen bewusst auf große Namen: Wie reagieren eure angefragten Gaststimmen auf Einladungen von Tosca?

 

Richard Dorfmeister: Geehrt, da das Projekt Tosca seit Jahren international einen ausgezeichneten Ruf genießt und einen konstant hohen Bekanntheitsgrad halten kann. Natürlich fühlen wir uns von den Reaktionen der Künstler ebenfalls sehr geschmeichelt. Auch von den DJ-Kollegen, die für uns Remixe anfertigen sollen, bekomme ich durchwegs positives Feedback in Form von freudigen Zusagen. Unser Label G-Stone kann zwar keine Milliarden Klicks auf YouTube garantieren, steht aber für erfolgreiche Platten in der gesunden Mittelklasse.

 

Woher kommen die doch sehr eigenwilligen Titel eurer Songs wie beispielsweise aktuell "In My Brain Prinz Eugen" oder "Stuttgart"?

 

Rupert Huber: "In My Brain Prinz Eugen" haben wir Graf Hadik alias Stephan Wildner zu verdanken. Als er zur vereinbarten Songaufnahme erschienen war, wussten wir noch nicht, in welche Richtung der Text gehen soll. Nachdem der Graf an dem Tag permanent von Eugenetik geschwafelt hat, war das Thema schnell gefunden – die oberflächliche Verschönerung der feinen Münchner Gesellschaft durch chirurgische Eingriffe. Verrückt, aber am Ende doch wieder logisch und passend.

Richard Dorfmeister: Städte mussten schon häufiger für unsere Songnamen herhalten. Okay, "Stuttgart" singt der Brasilianer Lucas Santtana in seiner Muttersprache Portugiesisch und nicht auf Deutsch – was bei diesem Titel im ersten Augenblick vielleicht etwas verwirrt. Dafür wird der gebürtige Stuttgarter Rainer Trüby dieses Lied remixen, der übrigens ein leidenschaftlicher Sammler südamerikanischer Musik ist. Somit ergibt das Ganze wieder Sinn.

 

 

Welche Bedeutung haben die verwendeten Geräusche wie Vogelgezwitscher, Pulsschläge oder Fluglärm für eure Gesamtkompositionen?

 

Rupert Huber: Damit lassen sich unsere Instrumentalisierungen verfeinern – wie zum Beispiel mit dem Herzschlag in der Nummer "Bonjour". Dieser Puls ist zwar vollkommen arrhythmisch, belebt aber – im wahrsten Sinne des Wortes – den Song auf natürliche Art und Weise.

Richard Dorfmeister: Woher hast du eigentlich diese Aufnahme? Ist gar nicht so einfach, den Puls sauber festzuhalten.

Rupert Huber: Aus einer deutschen Datenbank für Hörspielproduktionen. Sonst habe ich alles selbst aufgenommen: Die Vögel zwitschern rund um Richards Studio in Zürich herum und Flugzeuge starten von fast überall in der Welt. Man braucht nur ein vernünftiges Mikrofon, um diese Nuancen einzufangen.

Richard Dorfmeister: Alltagsgeräusche in Musikproduktionen einfließen zu lassen ist jetzt keine Sensation oder künstlerische Besonderheit mehr, bringen jedoch Abwechslung in die Arrangements.

 

Ihr seid beide in der österreichischen Hauptstadt groß geworden und habt dort die moderne Musikszene entscheidend mitgestaltet bzw. über die Staatsgrenzen hinaus bekannt gemacht. Was wäre Wien ohne Tosca?

 

Rupert Huber: Wien bleibt anders – mit oder ohne uns! Um die Frage umzudrehen: Was wäre Tosca ohne Wien? Nicht vorstellbar! Wir haben dieser Stadt sehr viel prägende Eindrücke und Einflüsse zu verdanken

Richard Dorfmeister: Richtig! Jedoch darf ich auch immer wieder mit großer Überraschung bzw. Freude feststellen, wie viele Leute auf diesem Planeten Tosca kennen und schätzen. Das muss man sich einmal vorstellen: Unzählige Familien sind auf unseren Sound gezeugt worden und entstanden, wirklich wahr!

 

Akustische Geburtshilfe sozusagen. Warum musizieren Tosca in letzter Zeit so gerne in Theatern oder Kirchen?

 

Richard Dorfmeister: Rupert war mit mir in einem katholischen Gymnasium. Damals mussten wir regelmäßig zu diesen schrecklich faden Musikabenden in die Kirche und dort auch auftreten.

Rupert Huber: Bob Dylan auf christlich – ganz schrecklich! Aber wir sind jetzt nicht zurückgekehrt an unsere ersten Spielstätten, um uns an der Kirche zu rächen. Diese Gebäude haben schlicht und ergreifend ganz besondere Klangkörper.

Richard Dorfmeister: Kirchen waren nur eine Option. Es gibt auf der ganzen Welt unfassbar spannende Locations – jenseits von der kommerziellen Veranstaltungsindustrie. Antike Amphitheater, Planetarien, Freiluftbühnen in öffentlichen Parks oder ganz konkret das Auditorium von Oscar Niemeyer im italienischen Ravello. In solchen Locations wollen wir zukünftig spielen, was jedoch kein einfaches Vorhaben sein wird.

 

Wie präsentieren Tosca ihren Sound 2013? Zum Beispiel bei der Eröffnung des Linzer Musiktheaters am 17. April.

 

Richard Dorfmeister: Uns persönlich gefällt es momentan am besten, wenn wir unsere Konzerte auf live eingespielte und modulierte Klangcollagen reduzieren – Rupert am Piano und ich an den Reglern, dazu eigens dafür gestaltete Visualisierungen. Vor großem Publikum ist das aber nicht möglich, weil nicht jeder so lange auf den Sound reinkippen kann. Außer, man setzt alle unter Drogen. Das ist kein guter Plan, darum läuft es auf folgende Mischung hinaus: Ein "Best-of" aus unserem gesamten Repertoire, Songs vom aktuellen Album "Odeon" – vorgetragen von den jeweiligen Gaststimmen – und dazu die eingangs erwähnten, atmosphärischen Klangflächen. Hier bleibt uns dann auch genügend Freiraum, um jedes Konzert individuell zu gestallten und unseren Sound jedes Mal aufs Neue im Moment entstehen zu lassen.

 

Zum Abschluss eine kleine Vorschau: 1994 gegründet – gibt es schon Pläne für 20 Jahre Tosca?

 

Rupert Huber: Ja, und zwar ein Geschenk an uns selbst: Richard und ich werden ein Jahr genau gar nichts machen.

Richard Dorfmeister: Wir stehen nicht auf diesen Jubiläumswahnsinn. Das Höchste der Gefühle ist eventuell die Veröffentlichung einer speziellen Sammleredition mit Schallplatten in limitierter Auflage, diversem Bonusmaterial und einer coolen Verpackung. Wenn wir anlässlich unseres Zwanzigers schon etwas unter die Leute bringen wollen, dann wenigstens etwas Schönes für Augen und Ohren. Ein bloßes "Greatest Hits" Album in einer gewöhnlichen Plastikhülle würde unserem künstlerischen Anspruch nicht gerecht werden.

 

Für konkrete Überlegungen bleibt ja zum Glück etwas Zeit. Alles Gute erst einmal für Tosca 2013!