Hi Serj. Könnten wir aus aktuellem Anlass politisch beginnen?


Gerne.


2001 hast du einen umstrittenen Essay mit dem Titel „Understanding Oil“ geschrieben. Neun Jahre später sitzen wir jetzt hier und sind mit einer Umweltkatastrophe konfrontiert, die mittelfristig nicht nur den Golf von Mexiko beschäftigen wird. Denkst du, dass British Petroleum (BP) in Zukunft „Öl“ besser verstehen wird?


Nein, nie. Aber lass mich vorher etwas erklären: Der einzige Grund, warum solche Unternehmen zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen in punkto Umwelt vornehmen, ist der, dass auch diese profitabel sein müssen. Durch das, was da jetzt im Golf von Mexiko passiert ist, haben sie vielleicht gelernt, dass sie endlich dieses zweite Entlastungsloch hinkriegen müssen. Die Kosten für die zweite Bohrung sind nämlich weit geringer als das, was sie jetzt zu zahlen haben: An die betroffenen Familien, die Todesfälle, das unüberschaubare Zusammenputzen des Desasters. In Wirklichkeit bräuchten wir stringente Regierungsmaßnahmen, die es Unternehmen schon im Ansatz unmöglich machen, dass so etwas technisch überhaupt passieren kann. John Wayne-Kapitalismus funktioniert nicht.


Bist Du mit Obama zufrieden bisher?


Schwierige Frage. Sagen wir so: Ich bin froh, dass Obama Präsident ist und nicht jemand anderer. Ich glaube immer noch, dass er die richtigen Absichten hat. Er soll aber aufhören zu versuchen, ständig den großen Vermittler zwischen allen Fronten zu spielen. Weil das niemanden, der nur ein wenig rechts von ihm steht, interessiert. Die lachen ihn aus, und er merkt’s nicht. Ich würde mir wünschen, dass er zu seinen frühen politischen Wurzeln zurückfinden könnte. Zu dieser uramerikanischen „Do the right thing“-Sache. Er soll aufhören, mit den Rechten zu diskutieren, sondern einfach auf sie scheißen. Klingt hart, aber ich sage das immer wieder: „fuck the right wing“! Das ist der einzige Weg, dass Obama irgendeinen seiner Pläne weiterbringt. Als er das Gesundheitssystem durchbringen wollte, haben die Republikaner eine Mauer gebaut. Als er jetzt BP Gas geben wollte, hat ein Republikaner aus dem Kongress gemeint, er vertrete „Sozialismus“. Und du weißt ja, wie der durchschnittliche US-Bürger auf das Wort „Sozialismus“ reagiert. Das Problem für jene Menschen, die Obama gewählt haben – inklusive mich – ist, dass wir angenommen haben, er wäre liberaler als es sich jetzt in der Realität herausstellt. Wir wollten keinen zweiten Clinton, der sich ohne Eier durch die politische Mitte schlängelt. Aber noch einmal: Ich glaube, er hat die richtigen Absichten.


Du bist 1967 in Beirut, Libanon, zur Welt gekommen. Als du sieben Jahre als warst, ist deine Familie kurz vorm Libanesischen Bürgerkrieg (1975-1991, Anm.) in die USA emigriert. Welche Erinnerungen hast du an deine Kindheit in einer Konfliktregion?


Trotz allem, ich hatte eine schöne Kindheit. Meine Großeltern lebten in der Nähe, ich bin jeden Tag zur Schule gegangen, das war ein kurzer Fußweg. Wenn ich grad über Libanon nachdenke, habe ich ziemlich schöne Bilder im Kopf: Da waren alte Ruinen außerhalb der Stadt, der Strand, also für mich als Kind war es schön. In den letzten sechs Monaten hat aber der Bürgerkrieg begonnen. Da erinnere ich mich nur mehr an das ständige Ducken im Zimmer, wenn die Bomben einschlugen. Und dass ich traurig war, nicht mehr zur Schule gehen zu können, weil die klarerweise ab dann geschlossen war.


Ihr seid dann in die USA emigriert. Was sind deine ersten Erinnerungen? Kulturschock?


(denkt lange) Hm… gelber Käse! (lacht) Ich hatte davor noch nie gelben Käse gesehen.


Den weichen aus der Tube?


Nein, den zum Rausdrücken, den du meinst, hat es ja damals noch nicht gegeben. Es war einfach dieses komplett unnatürliche Gelb, an das ich mich erinnere. Und dass die einzelnen Scheiben in Plastikfolie verpackt waren.


Also Toastkäse?


Ja. Aber das sagt sich so einfach. Ich kannte zu dem Zeitpunkt nicht einmal Toast. Lustig ist, dass wir gleich direkt in Hollywood gewohnt haben für die ersten vier Jahre. Danach sind wir ins Valley gezogen. Es war eine gute Zeit. Stell dir vor: 1975 in Los Angeles! Bee Gees, der Disco Hype…


Da warst du 8 Jahre alt. Wie war das dann später, Anfang der Achtziger, als in deiner Pubertät dieser Hairmetal Wahnsinn an der Westküste explodiert ist? Mötley Crüe, L.A. Guns…


Das war nie wirklich meins. Als Kind habe ich, so wie wir alle, das gehört, was meine Eltern gehört haben. In meinem Fall also viel armenische und karibische Musik, französische Chansionieres, ein bisschen was Englisches. In L.A. habe ich dann als Teenie begonnen, mich für Soul zu interessieren. In den 80ern dann vor allem Goth. Goth hat mich zu Rock gebracht, Rock zu Metal, Metal zu Punk, Punk zu Hip Hop, und so weiter. Mein Musikgeschmack hat alle drei Monate gewechselt. Es war nie ein Problem, drei Monate Death Metal zu hören und dann drei Monate Klassik. So geht es mir heute noch. Und ich genieße das, keinerlei musikalische Berührungsängste zu haben. Das Schlimme speziell an uns Amerikanern ist, dass sich jeder freiwillig in eine Musikschublade stecken lassen will. Der eine ist auf Metal, die andere auf Punk, der nächste auf Country.


Wirst Du in eine Schublade gesteckt?


Natürlich, ständig. Derzeit fragt mich jeder, warum ich gerade keine elektrischen Gitarren verwende, wo ich das doch immer getan hätte. Und wenn ich antworte, dass ich das im Moment nicht will, heißt es, Serj Tankian verrät seine Wurzeln. Schau, meine Plattensammlung ist riesig. Und ich hole mir von allem einfach das Beste raus. Gute Musik ist gute Musik, schlechte Musik ist schlechte Musik – egal woher sie stammt, wie sie klingt oder wie sie gemacht ist. Wenn mich etwas berührt, dann ist das doch gut. Es ist unglaublich, wie eingeschränkt Menschen gerade dann sein können, wenn es um etwas nicht Greifbares wie Musik geht. Anstatt dass sie sich in die Emotionen eines Lieds hineinfallen lassen, denken sie lieber drüber nach, in welcher Schublade ihres Hirns sie es archivieren können.


Stichwort Konventionen brechen: Du tourst dein erstes Solo-Album „Elect the Dead“ (2007) im Moment als symphonisch aufbereiteten Konzertabend mit dem jeweiligen Orchester vor Ort. Zwischen den Konzerten sind zwar immer drei Tage Abstand, aber wie kann ich mir die Zusammenarbeit vorstellen? Da kann doch keine Zeit zum Proben bleiben.


Doch, wir nehmen uns sogar sehr viel Zeit. Im Detail sieht’s so aus: Ich bin immer zwei Tage vor dem Konzert in der Stadt. Sowohl am ersten als auch am zweiten Tag davor spielen wir das Ding jeweils zweimal komplett durch, also insgesamt vier komplette Generalproben. Am Konzerttag selbst auch noch einmal als Soundcheck. Fünf Proben für ein Orchesterkonzert ist viel Zeit. Speziell Warschau war cool, mit einem Jugendorchester, das extrem viel Enthusiasmus gezeigt hat. Aber lass mich eins zum Linzer Bruckner Orchester hier und heute sagen: „these guys are fuckin’ badass!“ Ich bin gestern beim Proben von der Bühne gegangen, während sie gespielt haben und habe mir das aus der Besucherperspektive angehört. Die machen einen Sound, Wahnsinn. Der Dirigent, phänomenal.


Nerven dich Fragen über System Of A Down eigentlich noch?


Nein, gar nicht. Das waren zwölf Jahre meines Lebens, und ich war ein Viertel dieser Band. Und damit ein großer Teil von dem, wo ich heute sein darf. Wir bekommen ständig komplett irreale (Dollar-, Anm.)Angebote, um wieder gemeinsam zu spielen, und dieses Interesse ehrt uns auch. Erstmal hab ich aber genug Arbeit mit meinem Musical, meiner ersten Symphonie, meinem zweiten Soloalbum („Imperfect Harmonies“, Mitte September, Anm.) und dieser Tour jetzt gerade. Mir wird nicht langweilig.